Werkzeug trifft Wildente – Der «Bergische Entenbrutkorb» als regionales und nachhaltiges Leuchtturmprojekt aus Regranulat
Wildenten sind genügsame Tiere. Ein bisschen Deckung und ein geschützter Ort für das Nest – mehr braucht es nicht, um das Heranwachsen der nächsten Generation zu sichern. Durch menschliches Eingreifen in ihren natürlichen Lebensraum werden die geeigneten Brutplätze – vornehmlich Baumhöhlen, alte Krähen- oder Greifvogelnester oder Baumstümpfe – in Gärten, Parks oder urbanen Gebieten aber zunehmend rar. Die pragmatische Ente weicht daher vermehrt auf Blumenkästen oder Bodennester aus, was zu stockenden Brutversuchen führen kann. Teichbesitzer, Förster oder Naturschützer sind daher dazu übergegangen, künstliche Brutkörbe aus Bast oder Weide aufzustellen. Diese sind zwar nachhaltig, aber wenig praktisch: Schon nach einer Saison im Freien sind sie häufig verrottet, verschmutzt und daher schlichtweg unbrauchbar.
Für Johannes Grimberg, Landwirt und Tüftler aus Kürten im Bergischen Land, war klar: Das geht besser. «Ich wollte etwas schaffen, das wirklich Bestand hat. Etwas, das man nicht jedes Jahr mit großem Aufwand erneuern muss.» Seine Idee: ein stabiler Brutkorb aus recyceltem Kunststoff – wetterfest, unauffällig in der Landschaft, nachhaltig und langlebig. Kurzerhand ließ er seine Idee patentieren und machte sich auf die Suche nach einem Projektpartner, der ihm bei der Verwirklichung helfen sollte.
Wie die Ente beim Werkzeugmacher landete
Fündig wurde Grimberg zunächst nicht. Zwar ließ er sich bei einem Dienstleister ein erstes 3D-Modell zeichnen, doch die Umsetzung scheiterte am Kostenrahmen – das angedachte Spritzgusswerkzeug sprengte schlichtweg das Budget. Also wagte er einen neuen Anlauf und wandte sich im November 2024 an Peter Pakulla aus Bergisch Gladbach. Der Unternehmer und sein Team im rund 15 km entfernten mittelständischen Werkzeug- und Formenbau-Unternehmen waren schnell Feuer und Flamme.
«Ein Entenbrutkorb – das war wirklich mal was anderes», erinnert sich Pakulla, dessen Unternehmen eigentlich für Spritzgusswerkzeuge für die Automobil-, Medizin-, Elektro- und Haushaltswarenindustrie steht. «Dieses ungewöhnliche Projekt hat uns gereizt – auch weil wir uns in der Region stark verankert fühlen. Da passte einfach alles.» Schnell wurde aus der Idee daher eine Aufgabe – und aus der Aufgabe ein Herzensprojekt. Die einzige Hürde: Der Zeitplan war ambitioniert. Die Brutzeit der Enten rückte näher, und der Korb sollte rechtzeitig einsatzbereit sein.
Simpel gedacht, sauber gemacht
Und so nahm das Projekt rasant an Fahrt auf. Die Anforderungen an den Brutkorb waren klar definiert: Er sollte sich harmonisch in die Natur einfügen, möglichst einfach zu fertigen sein und aus nachhaltigem Regranulat spritzgegossen werden. Um diese Vorgaben zu erfüllen, wurden im Vorlauf auch Füllsimulationen durchgeführt, um Schwachstellen in der Formgebung aufzudecken und zu korrigieren. Letztendlich entstand ein Konzept aus zwei rund 70 cm langen identischen Halbschalen, die – miteinander verschraubt – den Korpus des Korbes bilden. «Die Konstruktion des Werkzeugs haben wir dann so simpel wie möglich gehalten, ohne Abstriche bei der Funktionalität zu machen», betont Pakulla. Heraus kam ein schieberloses Auf-Zu-Einfachwerkzeug aus Stahl, das bewusst pragmatisch konzipiert wurde, um Zeit und Kosten zu sparen.
Auch bei der Materialwahl brachten die Spezialisten von Pakulla ihre Expertise ein: Damit die Enten nicht abgeschreckt werden, entschied man sich für einen Grünton, der sich in die landschaftliche Umgebung einfügt – nicht zu hell, nicht zu dunkel. Wesentlich dabei: Durch die Verwendung von Regranulat entstanden Camouflage-ähnliche Flecken – bei anderen Spritzgusserzeugnissen ungewünscht, hier aber sogar von Vorteil und gewollt.
Jungfernflug mit Startproblemen
Innerhalb von nur sechs Wochen ab Kontaktaufnahme hielt Johannes Grimberg den ersten seiner Bergischen Entenbrutkörbe in den Händen. Während der Bemusterung zeigte sich jedoch schnell eine Schwachstelle: Eine umlaufende Nut im Bereich der auskragenden Eingangsöffnung, wo das Material vom mittig gelegenen Anspritzpunkt als Letztes einströmte, führte zu Rissbildungen im Kunststoff, weil es dort zu einem Zusammenfluss der Schmelzfronten kam. Die resultierende Bindenaht konnte zwar bereits in der Füllsimulation erkannt werden, wurde aber als unbedenklich bewertet.
«Was wir dabei nicht bedacht haben», erklärt Peter Pakulla, «war das untypische und immer wieder unterschiedliche Strömungsverhalten des Regranulats am Ende des Spritzvorgangs.» Daher wurde die Bauteilgeometrie kurzfristig angepasst: Eine Verstärkungsrippe wurde entfernt, um die Schmelze koordinierter zu führen. «Interessanterweise hat die Reduktion auch die generelle Stabilität verbessert. Wie bei einem Rohr verlaufen die Kräfte nun ideal an der Außenseite des Bauteils.» Inzwischen fertigt Pakulla den Brutkorb in Kleinstserie im eigenen Technikum – rund 1000 Stück pro Jahr.
Einfach. Regional. Nachhaltig.
Ob im Baum, am Teichufer oder unter dem Dachvorsprung: An vielen Stellen im Bergischen Land ist der Brutkorb schon zu finden. Die grünen Kunststoffnester bieten Wildenten, Turmfalken, Dohlen und anderen Tierarten einen sicheren Brutplatz. Johannes Grimberg ist mit vollem Einsatz dabei, das Projekt bekannt zu machen – mit einer eigenen Website, Marketing und einem großen Ziel: möglichst viele sichere Nistplätze für die heimische Vogelwelt zu schaffen. «Wenn man sieht, dass die Tiere den Korb wirklich annehmen, dann weiß man, dass es sich gelohnt hat», erklärt der Landschaftsbauer seine Motivation.
Auch bei Pakulla bleibt der Brutkorb in positiver Erinnerung: In einer Branche, in der sich vieles um engste Bauteil-Toleranzen, Zykluszeitoptimierung und makellose Oberflächen dreht, war das Entenprojekt eine willkommene Abwechslung und zeigt: Manchmal ist es besser, sich die Zeit fürs Nachdenken in Bezug auf die Werkzeugauslegung zu nehmen, um dann eine effiziente Fertigung zu gewährleisten und gleichzeitig die «Time to Market» – in diesem Fall «Time to Brutzeit» – kurz zu halten. Wenn dann noch das Herz des Werkzeugmachers für das Projekt schlägt, kommt Neues in die Welt, von dem alle Seiten profitieren, sogar die Tierwelt. | Nico Klinger, München