Typen im Verband – Prof. Wolfgang Boos: «Im Handball wie im Werkzeugbau zählen immer nur 100 Prozent»
Fabian Diehr im Gespräch mit Prof. Wolfgang Boos
Hätte sich Prof. Wolfgang Boos nicht dem Werkzeug- und Formenbau verschrieben, wäre er vielleicht Handballprofi geworden. «Mair war immer klar, dass ich einen ordentlichen Beruf lernen muss», erinnert er sich an seine Zeit als aktiver Spieler in Gummersbach. Der «ordentliche Beruf» waren eine Ausbildung zum Werkzeugmacher und ein anschließendes Maschinenbaustudium mit Promotion. Zwischen dem Handball und dem Werkzeugbau lassen sich Boos zufolge durchaus Parallelen ziehen.
Wolfgang, du hast viele Jahre Handball gespielt. Warum ausgerechnet dieser Sport?
Der Handball war immer in meiner Nähe. Mein Vater war damals in Gummersbach an der Ingenieurschule tätig und betreute die Bundesligaspieler, die studieren wollten. Jugendliche, die sich beim VfL für eine Handballkarriere entschieden, wurden damals angehalten, entweder eine Berufsausbildung zu machen oder zu studieren. Einmal war ich als 6-Jähriger mit ihm bei einem Stammtisch und lernte dort Eugen Haas, den «Vater» des Gummersbacher Handballs, kennen. Der meinte zu mir: «Junge, einen Ball schießt man nicht mit dem Bein, man wirft ihn mit der Hand.» Also habe ich das Ganze ausprobiert. Der Trainer sagte damals: «Du kannst geradeaus laufen und weißt, wo das Tor steht, also darfst du bleiben.» Und ich bin geblieben.
Und dann begann deine Erfolgsgeschichte.
Nein, ganz im Gegenteil. Mein allererstes Spiel haben wir 40:1 verloren – entsprechend fand ich Handball richtig doof. Das hat sich erst in der nächsten Saison geändert, als wir zwar noch immer in derselben Spielklasse waren, unser Team aber im Schnitt einen Kopf größer geworden war … Von da an hat mich der Handball meine ganze Jugend lang begleitet. Ich bin froh, dass ich meine Freizeit so gestalten durfte. Wir haben viele tolle Sport-Ausflüge gemacht, z. B. zum Island Cup oder zum weltweit größten jährlichen Handballturnier, dem Partille Cup, nach Schweden. Das soziale Miteinander hat mich hier sehr geprägt.
Verletzungen gehören leider gerade beim Handball zum Sport dazu – hat es dich auch erwischt?
Natürlich wollte ich mein Abitur auch im Fach Sport machen. Aber zehn Wochen vor dem Termin habe ich mir die Bänder im Mittelfuß gerissen und war erst einmal nur mit Krücken unterwegs. Die Lehrer meinten dann, ich müsste nun beim vierten Prüfungsfach von Sport auf Religion umschwenken – die Vorstellung hat mich dermaßen geschockt, dass ich mich zusammengerissen habe und mit viel Tape und Stützausrüstung die Sportprüfung durchgezogen habe. Weil ich nicht richtig laufen konnte, gab es in der Bewertung dann einen Punkt Abzug. Das war aber verkraftbar …
Was war dein größter sportlicher Erfolg?
Das war die westdeutsche Vizemeisterschaft mit der A-Jugend 1993. Das war auf jeden Fall beeindruckend. Beim ersten Finalspiel gegen die HSG Soest in Gummersbach haben wir gewonnen, aber beim Rückspiel dann den Drei-Tore-Vorsprung und den Titel verspielt. In Soest spielten wir in einer Halle, die 1000 Zuschauer fasst – und die mit 1200 Fans vollgestopft war. Die Duschen waren kalt, die Musik laut und in den Kabinen konnten wir uns nicht richtig abstimmen. Das alles hat so viel Aufmerksamkeit gekostet, dass wir uns nicht mehr aufs Spiel konzentriert und verloren haben. Das war zwar schade, bleibt aber letztlich trotzdem eine tolle Erinnerung.
Hast du nach dem Abitur noch weitergespielt?
Ein Jahr in der VfL-Regionalligamannschaft, auch ab und zu im Gummersbacher Bundesligateam bei Freundschaftsspielen und dann noch ein paarmal in der Hochschulmannschaft. Später habe ich aber nur noch in der Verbandsliga ausgeholfen. Wenn man eine solch schwere Verletzung hatte, nimmt man den Sport anders wahr, wird vorsichtiger. Trotzdem habe ich mir im Zweikampf insgesamt dreimal die Nase gebrochen …
Du warst also Kreisläufer?
Ich habe auf halb links begonnen, später spielte ich in der Mitte und dann auch als Kreisläufer und Linksaußen. Am gefährlichsten ist aber der Übermut: Meine Mannschaft von der Vizemeisterschaft 1993 hat zum 20-jährigen Jubiläum beschlossen, das Finale von damals noch mal aufleben zu lassen. Also haben wir zu zwölft eine Halle gemietet und wollten eine dritte Halbzeit machen. Doch einer hatte die Schnapsidee, ein paar Bälle zu werfen – was wir dann getan haben. An diesem Abend habe ich in der Schulter alle Muskeln, Bänder und Knorpel überlastet. Es dauerte Wochen, bis ich wieder schmerzfrei war …
Die westdeutsche Vizemeisterschaft mit der A-Jugend war also eine Art Abschluss deiner leistungsorientierten Handballzeit?
Im Nachhinein betrachtet: ja. Damals hatte sich auch die Dynamik im Handball verändert: Mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs kamen immer mehr gute Spieler aus Jugoslawien und Polen nach Gummersbach, um in der Bundesliga zu spielen. Da wurde es für die deutsche Nachwuchsjugend immer schwieriger, Fuß zu fassen. Für mich war es allerdings kein Problem, die Profikarriere loszulassen – ich glaube ohnehin nicht, dass ich mich in der Bundesliga wirklich hätte etablieren können.
Hast du dich danach als Trainer versucht?
Ja, ich bin Jugendtrainer und habe auch mal eine Damenmannschaft trainiert.
Juckt es dich dennoch manchmal, zu spielen?
Die Bewegungsabläufe wären inzwischen sicher andere als früher und ich wäre schnell außer Atem. Aber im Kopf ist man beim Handballschauen schnell mit auf dem Feld, wenn man früher selbst gespielt hat. Vor zwei Jahren war ich in Gummersbach in der Halle und habe ein Bundesligaspiel live angesehen. Da beginnen dann schon meine Beine und Finger zu zucken. Und bei der EM wurde ich, wenn schlampige Pässe geworfen wurden, vor dem Fernseher immer wieder mal richtig unruhig.
Du hältst dich also in Zukunft von Bällen fern?
Na ja, zum Karneval gab es am Institut dieses Bierpongspiel, zu dem ich mich habe überreden lassen. Aber ich musste nur ein Bier trinken und mein Gegner acht. Treffsicher bin ich also immer noch – zumindest mit Tischtennisbällen.
Spielen deine Kinder Handball?
Sie spielen Fußball. Wenn ich da zuschaue, bemerke ich immer wieder, dass meine beiden Jungs viel weniger ergebnisorientiert auf den Platz gehen als wir damals. Das liegt sicher nicht am Fußball, sondern daran, dass die Dynamik heute einfach eine andere ist. Wenn wir auf den Platz gegangen sind, wollten wir gewinnen. Sportlich wurde ich da schon auf sehr ehrgeizig gepolt … Heute spüre ich das bei den Jungen nicht mehr so, was aber wiederum beim Versuch, das objektiv zu betrachten, auch eine gute Entwicklung sein kann.
Wenn du den Fußball ansprichst: Warum ist das der deutsche Lieblingssport und nicht Handball? Gewinnt beim Handballspiel mit seinen vielen Toren öfter das bessere Team und der Fußball ist umgekehrt reizvoller, weil auch mal der Underdog mit einem Glückstreffer gewinnen kann?
Da ist schon etwas dran. Der Fußball ist aber einfach auch weiter verbreitet, weil man ihn auf jeder Wiese spielen kann – auch mal drei gegen zwei. Beim Handball würde so etwas nicht funktionieren. Der DFB hat weit über 7 Mio. Mitglieder und der DHB eben nur etwa 750 000. Den Handballsport an sich finde ich aber deutlich interessanter. Das Spiel ist schneller, es fallen mehr Tore, auf Strategie und Spielintelligenz kommt es besonders an. Leider sieht man in den großen Arenen kaum mehr die Feinheiten, die den Handball so spannend machen. Da hat es der Fußball durch die größeren Abstände der Spieler voneinander einfacher.
Gibt es Parallelen zum Werkzeug- und Formenbau? Was kann man als Werkzeugmacher vom Handballsport lernen?
Da gibt es einiges. Ich bin beim Handball immer zu Leistung getrieben worden: Auch wenn wir in der Halbzeit 20:10 geführt haben, hätten wir nicht einfach einen Gang zurückgeschaltet. Wir sind immer – brutal zu uns selbst – bis zum Ende gegangen. Und auch beim Werkzeugbau braucht es immer 100 Prozent Leistung bis zum Ende. Ein Werkzeug, das nicht zu 100 Prozent perfekt ist, funktioniert einfach nicht. Und dann gibt es auch noch den kameradschaftlichen Aspekt, den ich sowohl beim Handball als auch beim Werkzeugbau erkenne. Bei der Mittelrhein-Meisterschaft haben wir uns mit der gegnerischen Mannschaft regelmäßig die härtesten Spiele geliefert, die auch teilweise äußerst knapp ausgingen – trotzdem sind wir alle gemeinsam hinterher etwas trinken gegangen. Auch in Wettbewerbssituationen kameradschaftlich miteinander umgehen zu können, ist etwas Besonderes.
Wenn der deutsche Werkzeugbau deine Mannschaft wäre – was würdest du ihm zur Halbzeit in der Kabine mitgeben?
Es ist alles Kopfsache – Handball und Werkzeugbau: Wir haben gerade vier Krisen hinter uns und stehen mit dem Rücken zur Wand. Doch bei aller Bedrohung aus China, Indien und dem Rest der Welt haben wir die Fähigkeit, echten Werkzeug- und Formenbau zu machen – und die wird sich durchsetzen. Sicher wird sich einiges verändern, doch das resiliente Zurückbesinnen auf das, was wir hier im deutschsprachigen Raum wirklich können, auf das Verständnis der Funktionalität eines Werkzeugs, ist der Schlüssel für die Zukunft. Aber damit einhergehen muss immer, sich die Freude an der Arbeit zu bewahren. Meiner Mannschaft würde ich also sagen: Habt Spaß am Werkzeugbau! |