Torsten Kersting: Warum wir neue Produkte brauchen!
Nachdem es jahrelang stetig bergauf ging, erlebte die Automobilproduktion in Deutschland nach dem Höhepunkt 2017/18 einen abrupten Absturz. Das Produktionsvolumen ist seither um fast 30 Prozent gesunken. Früher haben wir hier «Weltautos» gebaut – Modelle, die auf allen Kontinenten den Nerv der Kunden trafen. Heute verhindern geopolitische Veränderungen und neue, aggressiv am Markt auftretende Mitbewerber, dass wir an diese Erfolge anknüpfen können. Ich bin überzeugt: Dieses Produktionsvolumen kommt nicht mehr zurück.
Für uns Werkzeugmacher ist die Automobilindustrie nach wie vor die wichtigste Kundenbranche. Mehr als die Hälfte unserer Werkzeuge und Formen gehen in diesen Bereich. Doch wir Deutsche tun uns schwer mit Veränderungen: Wir lieben unsere Verbrenner, kämpfen politisch gegen die E-Mobilität und unsere OEMs stehen weiterhin für klassische Antriebstechnologien. Während anderswo längst konsequent auf neue Konzepte gesetzt wird, investiert man bei uns in zwei Richtungen gleichzeitig. Die Unsicherheit, wann man mit welchen Modellen Erfolg haben könnte, lähmt die Branche.
Beim Blick in die Zukunft zeigen sich aber auch andere Risiken – Stichwort «Time to Market»: Wenn in China große OEMs entstehen, werden die dortigen Werkzeugmacher zuerst diese versorgen. Das wird derzeit noch zu wenig thematisiert. Die europäischen Unternehmen werden dann hintenanstehen und mit längeren Wartezeiten bzw. mit höheren Kosten rechnen müssen. Das mag zwar manchen hiesigen Werkzeugmacher freuen, beschädigt aber dennoch den Industriestandort Europa. Wegen einfacher Werkzeuge aus Fernost mache ich mir keine Sorgen, solange wir uns auf das konzentrieren, was wir besonders gut können: Neues ausdenken!
Ich habe selbst zwei Jahre in Shenyang im Norden Chinas gelebt. Eine prägende Zeit, die mir die technologischen, aber auch die gesellschaftlichen Unterschiede aufgezeigt hat. Dort habe ich auch meine Frau kennengelernt, und gemeinsam haben wir uns bewusst für die Rückkehr nach Deutschland entschieden. Denn was wir hier haben, ist etwas Besonderes: Freiheit! Dazu gehört Umweltschutz genauso wie die vielen Gestaltungsmöglichkeiten, die sich uns eröffnen. Diese Werte vergessen wir oft. Statt uns ständig kleinzureden, müssen wir uns vielmehr in Erinnerung rufen, was wir alles erreicht und was wir und unsere Vorfahren erarbeitet haben. Die Aufgabe unserer Generation ist es, Demokratie, freiheitliches Denken oder auch die Trennung von Staat und Religion zu bewahren – um künftig wieder und weiter Nutzen daraus zu ziehen.
Natürlich können wir nicht alles ändern, selbst nicht mit vereinten Kräften im VDWF. Aber manches eben doch! Der Verband stößt Dinge an, sucht den Kontakt zur Politik und ist längst mehr als nur Sprachrohr – er ist Motor für Veränderung. Auch, oder gerade wenn die Nachfrage nach Werkzeugen zurückgeht. Unser Problem besteht nämlich nicht darin, dass wir automatisieren müssen, um schneller zu werden, sondern dass uns Produkte fehlen, für die wir Werkzeuge herstellen können. Kurzum: Wir brauchen neue Ideen und den Mut, diese umzusetzen.
Ein Beispiel sind Unternehmen wie Neura Robotics aus Metzingen: Dort entstehen KI-gestützte Roboter, die mit Menschen zusammenarbeiten. Damit sie bezahlbar produziert werden können, braucht es unseren Erfindergeist. Ich hätte selbst gern einen Roboter, der zu Hause die Spülmaschine ausräumt und das Spielzeug meiner Kinder einsammelt. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich mich klar für ein europäisches Modell entscheiden – eines, das mit unseren Werten und Datenschutzstandards entwickelt wurde. Und genau bei diesen Themen liegen auch unsere Chancen.
Ebenso bietet der demografische Wandel Potenzial: Senioren bilden eine wachsende, kaufkräftige Zielgruppe. Produkte, die ihr Leben erleichtern, haben enorme Marktchancen und mit cleverem Marketing lässt sich auch die Akzeptanz für höhere Preise schaffen. Unsere Botschaft muss daher lauten: Wir brauchen neue Produkte, kreative Produkte «made in Europe»!
Es gilt also, ins Tun zu kommen. Es reicht nicht, immer nur darüber zu reden, wie wir schneller Werkzeuge bauen können. Wir müssen früh mit den Produktentwicklern an einen Tisch. Nur so entstehen Synergien. Bei Craemer leben wir das bereits: Wenn Designer und Werkzeugmacher schon in der Konzeptphase Seite an Seite arbeiten, entstehen Lösungen, die technisch ausgereift sind und von Beginn an prozesssicher ausgelegt werden. Diese enge Verzahnung ist einer unserer größten Erfolgsfaktoren. Von unseren Kunden erhalten wir in vielen Projekten bereits definierte Produktkonzepte und realisieren darauf basierend die entsprechenden Werkzeuge. Eine frühzeitige Einbindung des Werkzeugbaus bietet die Chance, zusätzliche Optimierungspotenziale zu erschließen. Genau hier sehen wir Ansatzpunkte für eine enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit.
Dabei stellt sich die Frage, wie der Werkzeugbau der Zukunft aussieht. Welche Tätigkeiten werden Menschen weiterhin übernehmen? Welche können oder müssen automatisiert werden? Sicher ist: Automatisierung ist kein Selbstzweck, sondern ein Hebel: Sie hilft uns, Werkzeuge schneller zu bauen und so auch schneller zu marktfähigen Produkten zu kommen. Betrachtet man die gesamte Prozesskette von der Anfrage bis zur Abnahme, steckt in fast jedem Schritt noch Potenzial. Besonders dort, wo heute noch «Blackboxes» bestehen, also fehlende Transparenz zwischen Produktentwicklung und Werkzeugbau. Diese Schnittstellen müssen wir öffnen, dann gewinnen alle!
Wir Werkzeugmacher müssen uns wieder als Ermöglicher begreifen, die die Zukunft formen und nicht nur Werkzeuge bauen, sondern Ideen, Lösungen und Produkte entwickeln. Wenn wir das schaffen, bleiben wir relevant und werden vielleicht sogar wieder das, was wir einmal waren: Weltspitze.
Es grüßt
Torsten Kersting