Thomas Seul: Getrennt und doch verbunden
Durch den Bau einer Brücke werden nicht nur zwei Ufer, sondern auch Menschen miteinander verbunden. Eine Metapher, die so alt ist wie das Leben und sich ganz einfach auch auf eine geschäftliche Beziehung übertragen lässt. Will man eine neue gute, langfristige Partnerschaft, baut man im besten Fall eine stabile und widerstandsfähige Brücke. Neigt sich ein geschäftliches Miteinander dem Ende entgegen, muss vielleicht auch mal eine Brücke abgerissen werden. Bestehende Brücken, die einem wichtig sind, muss man immer wieder instand halten und pflegen. Diese bildlichen Ideen sind in unserer Branche brandaktuell und sie kamen mir auf meiner Fahrt zur Messe K nach Düsseldorf in den Sinn, als unser Hinweg wegen der Brückensperrung auf der A 45 bei Lüdenscheid eineinhalb Stunden länger dauerte. In diesem Moment wurde mir die Bedeutung einer Brücke dann auch in einem ganz greifbaren Sinne bewusst.
Denn die Baufälligkeit der Rahmede-Brücke zieht in der Region für die vielen Unternehmen unserer Branche ganz konkret Wettbewerbsnachteile nach sich. Es geht dabei nicht um Menschen wie mich, die halt einmal später bei einem Event eintreffen, sondern um langfristige Probleme, weil unklar ist, wann die Rahmede-Brücke wieder freigegeben werden kann. Erst kürzlich erreichte mich ein Brief eines Lüdenscheider Verbandsmitglieds, dass Kunden, Partner und Lieferanten plötzlich nur noch über lange Umwege zu ihm gelangen. Auch das KIMW kämpft mit der Lage, Mitarbeiter brauchen teilweise eine Stunde länger zur Arbeit. Daher wurden hier schon neue Räume mit besserer Verkehrsanbindung angemietet, um Fachkräfte nicht zu verlieren. Ein ganz reales Bild der Brücke also: Wenn sie fehlt, hat das fatale Auswirkungen – auch gerade in Zeiten, in denen das Augenmerk eigentlich auf einer drastischen Verkürzung der Lieferketten liegt. Und die Qualität von «Local Sourcing» hat für unsere Branche auch noch eine ganz andere Ausprägung, wenn man bedenkt, dass ein Spritzguss- oder Stanzwerkzeug schnell mehrere Tonnen wiegen kann. Das ist, wie wenn bei einem Menschen plötzlich Herz und Hirn voneinander getrennt werden. Beides muss jedoch miteinander in Einklang stehen, muss verbunden sein, um überleben zu können!
Im Rahmen der aktuellen weltweiten Lage stehen auch wir mit unserem Verband und unseren Mitgliedern vor einer Zeit, die viele Entscheidungen fordert. Doch jede Krise birgt auch immer eine Chance, in diesem Fall das nachhaltige Denken zu fördern und Brücken in neue Märkte zu schlagen. Mit der FDWF, der Forschungsgemeinschaft Deutscher Werkzeug- und Formenbauer, haben wir eine neue Initiative für unsere Branche gegründet. Eine wohlüberlegte, selbst entworfene und selbst gebaute Brücke, die mit Sicherheit langfristig stabil steht und die richtigen Türen miteinander verbindet. 1909 beschrieb übrigens Georg Simmel die «Korrelation von Getrenntheit und Vereinigung» als Merkmal von Brücken so: «Praktisch wie logisch wäre es sinnlos, zu verbinden, was nicht getrennt war, ja, was nicht in irgendeinem Sinne auch getrennt bleibt.» Der Philosoph kommt aber zu dem Schluss, dass der menschliche Geist mit seiner Idee der Brücke zwischen den separierten Elementen versöhnend, vereinigend und übergreifend wirkt. In unserem Magazin liefern wir daher einige Anregungen, beispielsweise den Speakers’ Corner zum Thema Energiekrise, die Geschichte eines Werkzeugmachers, der nun Fahrradpedale herstellt, und wir werfen auch einen Blick nach Irland, wo die Medizintechnik für unsere Branche neue Chancen bietet.
Wir sind uns der Schlüsselstellung unserer Branche und der Stärke unserer Unternehmen durchaus bewusst. Wir schlagen daher Brücken zu anderen Verbänden und Institutionen, aber auch in die Politik, um den Wert unserer vielen Hidden Champions sichtbar zu machen. Denn ohne freie Brücken geht sowohl im Straßenverkehr als auch im Geschäftsleben wenig. Wir werden als Verband mit unseren Mitgliedern den eigenen Beitrag zum Großen und Ganzen leisten und Brücken in eine hoffnungsvolle und stabile Zukunft bauen.
Es grüßt
Thomas Seul