Bertram Brossardt: Schulterschluss für die Wirtschaftswende
Die vbw ist die freiwillige, branchenübergreifende und zentrale Interessenvereinigung der bayerischen Wirtschaft. Sie vertritt 162 Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände sowie 51 Fördermitglieder. In den Branchen der vbw-Mitgliedsverbände sind bayernweit etwa 4,8 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte tätig, das sind fast 90 Prozent aller Beschäftigten im Freistaat. Ich freue mich sehr, dass zu dieser starken Gemeinschaft auch der VDWF als Mitglied gehört. Neben den operativen und beratenden Aufgaben arbeitet der Verband kontinuierlich an einer positiven öffentlichen Sichtbarkeit der Branche. Wir unterstützen den VDWF in seinen zentralen Anliegen und vor allem bei der Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit seiner Mitgliedsunternehmen.
Dieser Schulterschluss ist in einer Zeit tiefgreifender geopolitischer Umwälzungen sowie großer struktureller und konjunktureller Krisen wichtiger denn je. Denn der deutsche Werkzeug- und Formenbau ist als Zulieferer zentraler Industriezweige wie der Automobilindustrie, des Maschinenbaus, der Metall- und Elektroindustrie, der kunststoffverarbeitenden Industrie, der Gießereien oder der chemischen Industrie von den derzeitigen Krisen massiv betroffen. Harte internationale Konkurrenz, schwere Kostenbelastungen, hohe Energiepreise und überbordende bürokratische Pflichten prägen – nahezu flächendeckend und branchenübergreifend – auch hier das Bild.
Um es klar zu sagen: Deutschland steckt in großen Schwierigkeiten. Wir haben mit 2023 und 2024 zwei Rezessionsjahre in Folge erlebt. Der wirtschaftliche Stillstand hält mittlerweile schon fünf Jahre an, und der Ausblick für 2025 ist kaum besser. Die dramatische Lage manifestiert sich derzeit in einem massiven Stellenabbau in der Industrie, der eine Folge der fortschreitenden Deindustrialisierung unseres Landes ist.
Auf den Punkt gebracht sind es vor allem fünf Probleme, die uns umtreiben:
– Wir sind als Standort zu teuer.
– Wir sind zu kompliziert.
– Wir sind zu wenig für die Zukunft gerüstet.
– Wir sind zu alt.
– Und wir sind zu leistungsfeindlich.
Wir dürfen diesem Niedergang nicht länger tatenlos zusehen. Um den wirtschaftlichen Abstieg Deutschlands aufzuhalten und den Trend umzukehren, müssen alle gesellschaftlichen Kräfte die Wende einläuten. Ganz wesentlich kommt es hier auf die neue Bundesregierung an, die von Anfang an mutig handeln muss. Wir werden uns politisch in der neuen Legislaturperiode für eine solche Wirtschaftswende einsetzen. Im Einzelnen:
Wir sind als Standort zu teuer: Dieses Hauptproblem des Wirtschaftsstandorts Deutschland muss mit höchster Priorität angegangen werden. Dazu gehört, die Steuerlast für Unternehmen zu senken und die Energieversorgung sicher und bezahlbar zu gestalten. Zu den größten Nachteilen des Standorts Deutschland gehören die hohen Arbeitskosten. Wir brauchen dringend grundlegende Reformen in den sozialen Sicherungssystemen, um weitere Beitragssprünge zu verhindern und die Lohnzusatzkosten im Griff zu behalten. Wir brauchen ein schlüssiges Gesamtkonzept, mit dem die Beitragssätze zumindest wieder stabilisiert werden können.
Wir sind zu kompliziert: Wir benötigen nicht nur ein Stoppschild für neue belastende Regulierungen, sondern auch mehr Mut und Entschlossenheit beim Abbau existierender Bürokratie.
Wir sind zu wenig für die Zukunft gerüstet: Wir können als modernes Industrie- und Hightechland nur dann im globalen Wettbewerb bestehen, wenn wir mehr als bisher in die Zukunft investieren. Wir brauchen moderne und umweltverträgliche Verkehrssysteme, attraktive Schulen und Universitäten und eine Stärkung unserer Verteidigungsfähigkeit. Ein guter Schritt ist in diese Richtung mit den aktuellen Finanzpaketen getan.
Wir sind zu alt: Der demographische Wandel sorgt auch in wirtschaftlich schwieriger Zeit für einen Mangel an Arbeits- und Fachkräften. Es gilt daher, alle Potenziale zu aktivieren. Ein riesiger Nachteil für den Standort Deutschland ist dabei das starre Arbeitszeitrecht. Wir begrüßen den Plan der neuen Bundesregierung, hier aktiv zu werden. Sie muss ein europarechtskonformes Gesetz verabschieden, das weg von einer täglichen Höchstarbeitszeit und hin zu einer wochenbezogenen Betrachtung kommt. Das wird es vor allem vielen Frauen erleichtern, Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bringen und ihre Arbeitszeiten zu erhöhen. Unbestritten ist, dass wir zur Fachkräftesicherung ergänzend auch eine gesteuerte Zuwanderung brauchen. Die Akzeptanz der notwendigen Zuwanderung in der Bevölkerung hängt entscheidend davon ab, dass die illegale Migration nach Deutschland entschlossen eingedämmt wird – eine der größten Herausforderungen für die kommende Legislaturperiode. Der Erfolg oder Misserfolg in diesem Bereich wird auch darüber entscheiden, ob radikale Kräfte vom rechten oder linken politischen Rand bei künftigen Bundestagswahlen weiteren Zulauf erhalten werden.
Wir sind zu leistungsfeindlich: Ein Grund dafür ist, dass wir in Deutschland zu viel Politik für jene gemacht haben, die vom Sozialstaat leben. Wir müssen künftig wieder mehr Politik für jene machen, die den Sozialstaat finanzieren. Deshalb muss wieder der Grundsatz gelten: Wer arbeitet, muss dafür mehr Geld bekommen als jemand, der nicht arbeitet. Leistung muss sich lohnen. Letzten Endes heißt das, dass wir wieder mehr fordern als fördern müssen. Für ein Comeback des Standorts Deutschland brauchen wir zusätzlich auch einen Mentalitätswandel in der Gesellschaft, eine Zeitenwende in den Köpfen. Allen muss klar werden: Wir werden uns wieder mehr anstrengen müssen, wenn wir unseren Wohlstand bewahren wollen. Deshalb sind die zuletzt geführten Debatten über eine Vier-Tage-Woche mit vollem Lohnausgleich oder «Null-Bock-Tage» fatal. Mit solch absurden Ideen wird die Illusion genährt, es ginge auch mit weniger Arbeit, mit weniger Mühe und mit weniger Aufwand. Das Gegenteil ist aber der Fall: Das Wirtschaftswunder in Deutschland konnte nur Realität werden, weil unsere Mütter und Väter, unsere Großmütter und Großväter über Jahrzehnte regelrecht «malocht» und mit harter Arbeit das Land wieder aufgebaut haben. Wir müssen daran anknüpfen und uns aus der gegenwärtigen Krise buchstäblich herausarbeiten, mit Leistungsbereitschaft, Fleiß und Disziplin. Das gilt für alle Teile der Gesellschaft, für die Politik genauso wie für die Unternehmen und die Beschäftigten. Mit den Werten, die unser Land stark und erfolgreich gemacht haben, können wir die Trendwende schaffen.
Ich bin grundsätzlich Optimist. Daher möchte ich mit einem positiven Gedanken enden: Es gibt so viele großartige und erfolgreiche Unternehmen in Deutschland, die bereit sind, in die Zukunft zu investieren und Beschäftigung am Standort Deutschland zu sichern – gerade auch im Werkzeug- und Formenbau. Dafür brauchen sie aber wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen. Für dieses Ziel zu kämpfen, lohnt jede Anstrengung. Ich bin sicher, dass die vbw und der VDWF hier gemeinsam erfolgreich an einem Strang ziehen werden.
Es grüßt
Bertram Brossardt