«On Physical Grounds» – vom Werkzeug zum Kunstwerk
Dass Werkzeugmacher Künstler sind, die auf ein Hundertstel einer Haaresbreite genau Konturen in gehärteten Stahl einbringen, muss man niemandem aus der Branche erklären. Selten aber treffen Kunst und Werkzeugbau so direkt aufeinander wie nun in einer Ausstellung in Neuenkirchen, die ausgediente Werkzeuge in ein ganz neues Licht rückt.
«Was wir Werkzeugmacher schon seit Jahrhunderten tun, ist der Wahnsinn! Für mich war das schon immer Kunst», stellt Gerd Röders, Geschäftsführer von G. A. Röders aus Soltau, fest. Damit spricht er vielen Werkzeugmachern aus dem Herzen. Aber wohl nur die wenigsten von ihnen können behaupten, dass die eigenen Fertigungsstücke in einer Galerie ausgestellt werden.
Im Kunstverein Springhornhof in Neuenkirchen – 16 km von Soltau entfernt – ist vom 20. September bis zum 16. Dezember die Ausstellung «On Physical Grounds» des Bildhauers Thomas Rentmeister zu sehen. Der Künstler arbeitet gern mit Dingen, die er an den Orten findet, an denen er ausstellt – das können Naturstoffe sein oder technische Objekte. Dieses Mal wurde er u. a. bei G. A. Röders fündig, wo die Verbindung zur Kunstwelt Tradition hat. «Unser Unternehmen hat immer eine offene Tür für Kunst und Kultur», erklärt Röders. «Wir hatten schon den Techno-DJ Mijk van Dijk hier, der in einer alten Gießereihalle zu Charlie Chaplins Film ‹Moderne Zeiten› aufgelegt hat. Wir hatten Improvisationstheater und mit der Kulturinitiative Soltau veranstalten wir immer wieder Konzerte in unseren Räumen.»
Vom Schrott zur Kunst
G. A. Röders ist Mitglied im Kulturkreis der deutschen Wirtschaft, über den auch der Kontakt zu Bettina von Dziembowski zustande kam, der künstlerischen Leiterin des Springhornhofs. Beim Besuch des Unternehmens wählte Rentmeister Fehlgüsse von Flugzeugtisch-Seitenbügeln und Zinkbarren, die eigentlich als Rohmaterial für den Metallguss dienen, für seine Ausstellung aus. Am Ende seines Firmenrundgangs fielen ihm schließlich einige rostige Druckgussformen ins Auge, die eigentlich schon zum Verschrotten bestimmt waren.
Der Künstler war sofort von ihnen begeistert und beschloss, sie ebenfalls zum Teil der Ausstellung zu machen. Die Gründe dafür und seine Faszination für die ausrangierten Stücke erklärt Rentmeister so: «Diese industriellen Objekte haben ursprünglich einen klar funktionalen Zweck, doch sobald sie aus ihrem Produktionskontext herausgelöst werden, entfalten sie eine ganz andere, fast poetische Qualität. Sie erinnern an architektonische Modelle – an Fragmente einer gebauten Welt, die zugleich vertraut und fremd wirkt.»
Rentmeister bearbeitete die Formen nicht, sondern platzierte sie lediglich auf groben Holzbalken. Der so geschaffenen Installation gab er den Titel «Brookland». «Die Gussformen sind für mich nicht nur Objekte der industriellen Produktion, sondern auch Träger von Narrativen über Wandel, Arbeit und Raum», beschreibt Rentmeister seinen künstlerischen Ansatz. «Mich interessiert dieser Moment des Dazwischen: wenn die rohe Funktionalität eines Arbeitsraums allmählich in etwas Neues transformiert wird, ohne dass die alte Struktur ganz verschwindet.»
Zwischen Präzision und Inspiration
Welch technische Komplexität im Inneren solcher Formen liegt, ist für Werkzeugmacher natürlich kein Geheimnis. Der Blick der Besucher fällt in der Ausstellung dagegen allein auf die klaren äußeren Konturen, die Kavitäten bleiben im Verborgenen. Die Formen reihen sich so in Rentmeisters Werk ein, das immer wieder auf die Vielschichtigkeit des Alltäglichen und das darin liegende Potenzial verweist.
Auch Gerd Röders betrachtet die ihm vertrauten Objekte nun mit anderen Augen. «Mir ist es schwergefallen, beim Betrachten von der Technik wegzukommen», gibt er zu. «Ich sehe nur alte, schrottreife Werkzeuge mit krummen Gusskanälen und denke mir, ‹Wow, die kannst du aber nicht mehr auf die Schiene bringen›. Genau das fand ich also spannend – diese Ambivalenz zwischen Handwerk, Industrie und Kunst.» Werkzeugmacher wissen schon lange, wie eng Kunst und Werkzeugbau beieinanderliegen. Die Ausstellung führt es nun auch jenen vor Augen, die sonst nur das Ergebnis, nicht aber die Form dahinter sehen. | Maximilian Schröter, München