Mike Richter: Werkzeugbau und Design – Reibung schafft Innovation
Ich weiß, die Wünsche und Anforderungen von Designern stellen Werkzeugmacher immer wieder vor Herausforderungen. Während der Werkzeug- und Formenbau seit jeher den Fokus auf Präzision und technische Machbarkeit legt, hat die Gestaltung den Anwender im Blick und strebt nach Erlebnisqualität. Für den Werkzeugmacher geht es darum, dass das von ihm gefertigte Produktionsmittel funktioniert und die Herstellungsprozesse damit optimal laufen. Wo es Werkzeugmachern um eine fertigungsgerechte Konstruktion geht, verlangen Designer nach komplexen Geometrien und neuen Materialien. Man kann sich vieles ausdenken, es aber dann tatsächlich «in Form» zu bringen, bereitet immer wieder Kopfzerbrechen – gerade wenn neue Anforderungen an Haptik, Funktionsintegration und Individualisierung gestellt werden. Kurzum: Die Ziele von Design auf der einen und Werkzeugbau auf der anderen Seite scheinen sich immer wieder entgegenzustehen – tatsächlich müssen beide Bereiche aber zusammen gedacht werden! Nicht nur aus der Anforderung heraus, die gemeinsame Schnittstelle optimal zu belegen, sondern vielmehr, weil für den Produktions- und Wirtschaftsstandort Deutschland die Gestaltung von Produkten eine zentrale strategische Rolle spielt – kulturell, technologisch und ökonomisch.
Wenn sich Produkte nicht mehr in ihrer technischen Qualität unterscheiden, wird Design zum entscheidenden Differenzierungsfaktor. Designorientierte Unternehmen erzielen höhere Margen und stabileres Wachstum. Und nicht zu vergessen die globalen Märkte: Als Imagevorteil ist die Gestaltungsqualität deutscher Produkte ein Exportfaktor. Diese strategische Bedeutung des «German Design» erkannte schon der erste Deutsche Bundestag, als er 1953 den Rat für Formgebung initiierte. Aber auch heute, wenn Produktentwicklungen beispielsweise auf Themen aus der Nachhaltigkeit treffen, wird Gestaltung zu einer Schlüsseldisziplin, etwa bei der Langlebigkeit oder Reparierbarkeit von Produkten. Durch die Verknüpfung von Herstellung, Nutzung und Recycling trägt Design zur Kreislaufwirtschaft bei und stärkt so die ökologische Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland.
Und auch hier entsteht aus der «Reibung» zwischen Design und Werkzeugbau neue Energie: Sie treibt beide Disziplinen an, sich weiterzuentwickeln. In der für lange Zeit stark ingenieur- und fertigungsgetriebenen Werkzeug- und Formenbau-Branche bringt die Design-Seite neue Perspektiven hinein – vor allem nutzerorientierte. So entstehen Werkzeuge, die etwa auf recyclingfähige Rohstoffe ausgelegt sind oder modulare Einsätze nutzen, um Bauteile in Varianten über ihren Lebenszyklus hinweg effizient zu fertigen bzw. zur Herstellung von Produkten aus mehreren Materialien in einem Schritt. Der Werkzeug- und Formenbau wächst so an den Anforderungen der Produktentwickler: Freiformflächen und personalisierte Produkte erfordern flexiblere Werkzeuge und zwingen zu höherer Agilität – auch weil das iterative Arbeiten der Designer an den Produkten von morgen zusätzlich immer kürzer werdende Entwicklungszeiten bedingt.
All diese Aspekte zeigen: Gestaltung ist weit mehr als nur «Oberflächlichkeit». Vielmehr stellt sie eine Schlüsselressource für Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und die kulturelle Ausrichtung des Produktionsstandorts Deutschland dar. Design fungiert dabei als kreativer Störfaktor und damit als Innovationsbeschleuniger, als Verkaufsargument – und als Antrieb, Werkzeug- und Formenbau immer weiter zu denken, ihn vielleicht in Zeiten des Strukturwandels sogar auf einen neuen strategischen Level zu heben. Und nicht zuletzt ist Gestaltung auch Teil unserer Identität: Deutsches Design steht für Rationalität und Funktionalität. Manchmal nehmen wir es bewusst wahr, meist jedoch ohne es zu merken – in jedem Fall prägt es uns in unserem gesellschaftlichen Gefüge!
Es grüßt
Mike Richter