Jens Lüdtke über Digitalisierung, Nachhaltigkeit und die Zukunft des Werkzeug- und Formenbaus
Fabian Diehr im Gespräch mit Tebis-Consulting-Leiter Jens Lüdtke
Werkzeugmacher sind Macher. Sie tüfteln, optimieren und finden Lösungen – doch in Zeiten von Fachkräftemangel und Strukturwandel bei den Kunden aus der Industrie ist das nicht immer einfach. Hier kommt Tebis Consulting ins Spiel: Das Team um Jens Lüdtke hilft Unternehmen, ihre Prozesse zu verbessern, neue Technologien sinnvoll einzusetzen und langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Vor fünf Jahren hat es sich als eigenständiger Geschäftsbereich innerhalb des Softwarespezialisten Tebis aufgestellt – und seitdem hat sich einiges getan: Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Automatisierung stehen heute noch stärker im Fokus. Doch wie sensibilisiert man Unternehmen dafür, dass Veränderungen nicht nur nötig, sondern auch lohnenswert sind? Und was braucht es, damit Beratung nicht als lästige Pflicht, sondern als echter Gewinn gesehen wird? Jens Lüdtke gibt im Interview spannende Einblicke – über neue Strategien, den richtigen Umgang mit Wandel und darüber, warum Vertrauen in der Beratung das A und O ist.
Jens, in den letzten Monaten hat sich bei Tebis Consulting einiges verändert. Kannst du uns erklären, wie die neuen Strukturen aussehen?
Es gab personelle Veränderungen. Innerhalb von Tebis sind Mitarbeiter aus der Beratung in den Softwarebereich gewechselt. Sie sind alle sehr gut ausgebildet und deshalb dort natürlich auch begehrt. Für uns ist das ein großer Vorteil, weil wir dadurch die Kompetenzen im Unternehmen durchmischen und den Kollegen auch neue Sichtweisen für ihre Arbeit ermöglichen. So haben auch wir bei Tebis Consulting neue Mitarbeiter hinzugewonnen und uns ein Stück weit neu ausgerichtet. Zusätzlich zu unseren Kernbereichen wie Management- und Prozessberatung übernehmen wir nun auch Technologieberatung, kümmern uns also beispielsweise auch um Werkzeugmanagement und Bauteileklassifizierung. Die Frage nach den richtigen Maschinen für das jeweilige Unternehmen oder wie Automatisierungsprozesse unterstützt werden, gehört ebenso dazu. Momentan sind wir dabei, einen Prozess zu entwickeln, der es uns erlaubt, heute schon künstliche Intelligenz einzusetzen, ohne dass Unternehmen selbst die Tools dafür aufbauen müssen. Es kann die Geschäfte von Einzel- und Serienteilfertigern, beispielsweise aus dem Werkzeug-, Formen-, Maschinen- und Anlagenbau oder aus der Kunststoff- bzw. Blechverarbeitung sehr erleichtern, jetzt schon KI zu nutzen.
Auch der Nachhaltigkeitsbereich liegt euch sehr am Herzen und ist neu in euer Portfolio aufgenommen worden …
In diesem Themenfeld möchten wir unseren Kunden nicht einfach nur sagen, dass Nachhaltigkeit «in» ist, sondern vor allem, dass sie ihnen auch echte Vorteile bringt. Wir wollen das Nachhaltigkeitsmanagement, das wir bei Tebis aufbauen, künftig auch den Unternehmen der Branche anbieten. Mir ist bewusst, dass das Thema nicht immer höchste Priorität hat und häufig mit viel Papierkram in Verbindung gebracht wird. Die Berichtspflicht z. B. ist aber mit der kommenden Regierung erst einmal für zwei Jahre ausgesetzt. Damit fällt schon mal ein «Bürokratiemonster» weg. Aber auch weil es dabei um Wirtschaftlichkeit und um das eigene Image geht – gerade bei jungen Mitarbeitern verstärkt Nachhaltigkeit die Identifikation mit dem Unternehmen–, ist die Auseinandersetzung damit wichtig. Es geht darum, tatsächlich zu erfassen, wo die großen Energie- und Ressourcenfresser sind, was wir tun können, um sie zu reduzieren und die Amortisationszeiten der Investitionen kurz zu halten. Und klar: Auch für die Kunden können Nachhaltigkeitsinitiativen eines Werkzeugmachers ein Argument dafür sein, dort zu bestellen. Ziel ist eine sinnvolle Kombination aus wirtschaftlichen Aspekten und Imageförderung, die ein Identifikationsmerkmal und damit einen weiteren Erfolgsfaktor schaffen kann.
Das ist etwas, das man in China nicht so leicht bekommt …
… und wir tun damit gleichzeitig etwas für unseren Planeten und für die eigene Arbeitgebermarke. In Verbindung mit Förderungen wird das Ganze noch attraktiver. Die ersten Pilotprojekte mit Firmen laufen hier bereits bei uns.
Stichwort Förderung – du und dein Team unterstützt Unternehmen auch dahingehend?
Das machen wir schon lange und stellen hierzu immer wieder Merkblätter für die Unternehmen zusammen, um den Umfang der Förderung näher zu erläutern, ebenso wie bundeslandbezogene Informationen zum Thema. Zurzeit begleiten wir hier Unternehmen bei der Förderung von Transformationsprozessen in der Automobilindustrie, konzentrieren uns aber auch darauf, wo attraktive Fördermöglichkeiten für die Themen Beratung und Nachhaltigkeit existieren.
Immer wieder schließen sich Unternehmen im Werkzeug- und Formenbau zusammen, um am Markt mit mehr Gewicht auftreten zu können. Siehst du hier eine Chance für die vielen KMU, die die Branche im deutschsprachigen Raum prägen?
Das Thema Kooperationen ist ein wichtiger Stellhebel für Erfolg in der heutigen Zeit. Doch es gibt kaum Grundlagen dazu, wie Firmen hier passend miteinander kommunizieren sollten und wie man miteinander eine vertrauensvolle Basis schafft. Zuletzt haben wir geholfen, zwei Kooperationen aufzubauen – eine im Bereich Formenbau und eine im Bereich Stanz- und Umformwerkzeugbau. Es ist heute einfach ein Erfolgsfaktor, wenn sich Firmen finden, eine gemeinsame Vertrauensbasis aufbauen und sich gegenseitig durch Erfahrungsaustausch, Einkaufsgemeinschaften und Nivellierung von Kapazitäten unterstützen. In diesem Bereich haben die begleiteten Unternehmen mit unserem Input schon einige Erfolge erzielt – bis hin zum Auszubildendenaustausch oder dem gemeinsamen Akquirieren von größeren Projekten.
Ist es immer so einfach, als «Berater» bei den Unternehmen im Werkzeug- und Formenbau Gehör zu finden?
Wenn man jemanden noch nicht kennt, ist es natürlich schwierig. Wesentlich ist jedoch – und das merken unsere Kunden schnell im Gespräch: Bei unserem sechsköpfigen Beraterteam kommen alle selbst aus dem Werkzeug- und Formenbau bzw. aus der fertigenden Industrie – und wir haben es meist mit KMU zu tun und kennen uns mit den Herausforderungen dieser Unternehmen bestens aus.
Wie geht ihr denn vor, wenn euch ein Unternehmen als Berater hinzuzieht?
Wir sagen dem Geschäftsführer eines Unternehmens nicht einfach: «So geht das besser, jetzt mach mal!» Unsere Vorgehensweise besteht stattdessen darin, gemeinsam zu überlegen, was genau optimiert werden soll. Darauf aufbauend definieren wir dann gemeinsam mit dem Auftraggeber klare Ziele. Unsere Kunden holen uns ja nicht dazu, weil sie mal wieder Lust auf Berater haben, sondern weil sie gezielt etwas erreichen möchten: mehr Aufträge erhalten, mehr Durchsatz erzeugen, eine höhere Produktivität erreichen oder den Fachkräftemangel besser meistern. Sobald wir dafür ein gemeinsames Verständnis aufgebaut haben, erarbeiten wir auch gemeinsam mit Mitarbeitern im Unternehmen Konzepte, um diese Ziele zu erreichen – und setzen diese dann um.
Wenn ein Werkzeugmacher euch einmal «ausprobieren» und mehr über eure Kompetenzen erfahren möchte, kann er z. B. eines eurer Seminare besuchen.
Klar, sie bieten eine einfache Möglichkeit, um ohne viel Aufwand mit unseren Ideen in Berührung zu kommen – ohne dass sich ein Unternehmen für uns öffnen und etwa zeigen müsste, wie gut oder schlecht es ihm gerade geht. Bei unseren Veranstaltungen lassen sich immer neue Impulse mitnehmen, denn sie sind äußerst praxisbezogen und enthalten viele Beispiele. In den Seminaren für die mittlere Führungsebene behandeln wir beispielsweise das Thema Mitarbeitermotivation. In den Unternehmensführungs-Seminaren geht es um Dinge wie Strategie, Vision, aber auch um Veränderungsprozesse im Unternehmen. Auch ein Seminar zum Thema Shopfloor-Management bieten wir an, also wie kann ich im Bereich der Fertigung erste Schritte in Richtung Digitalisierung unternehmen? Welche Tools gibt es? Welches Mindset benötigen die Mitarbeiter? Andere Seminarthemen, bei denen immer wieder große Nachfrage besteht, drehen sich um Projektmanagement oder eben um die neuen Felder Werkzeugmanagement und -verwaltung bzw. um die Umsetzung von Nachhaltigkeitsthemen.
Vorausgesetzt, die Butter im Kühlschrank ist verdient – welche sind eure Ziele bei Tebis Consulting? Was ist euer Antrieb?
Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, dazu beizutragen, fertigende Unternehmen im deutschsprachigen Raum wettbewerbsfähig zu halten, sie tatsächlich ein Stück fitter zu machen. Das liegt mir und meinem Team wirklich am Herzen – gerade in schweren Zeiten! Darum engagieren wir uns bei Tebis Consulting an verschiedenen Stellen: Wir tragen weiterhin eine Dozentenrolle für den Werkzeug- und Formenbau an der Hochschule Schmalkalden, wir engagieren uns im Marktspiegel Werkzeugbau. Außerdem stehen Tools für die Branche wie ein Maschinenstundensatzrechner, eine Stückliste mit Fertigungsfortschritt oder ein Leitfaden für die Maschinenfeinplanung auf unserer Website ebenso kostenfrei zur Verfügung wie unsere eigenen Benchmark-Studien zur Marktlage im Werkzeug- und Formenbau. Zusätzlich bin ich in den europäischen Wirtschaftssenat berufen worden. Dort können wir nun noch einmal auf einer ganz anderen Ebene Kontakte knüpfen. Dieses Netzwerk möchte ich nutzen, um die ganze Branche voranzutreiben. Auch das ist Teil meines Antriebs: neue Perspektiven in die Unternehmen zu bringen.
Dass ihr mit eurem Tun effektiv seid, zeigt sich auch daran, dass ihr für eure Projekte regelmäßig ausgezeichnet werdet …
In der Tat – und es tut auch gut, von jemandem außerhalb der Projektarbeit zu hören, dass wir einen positiven Einfluss auf die Branche haben …
Was macht dir persönlich besonders Freude bei deiner Arbeit?
Mich treibt vor allem an, dass es uns immer wieder gelingt, Unternehmen weiterzuhelfen. Dazu gehören manchmal größere und manchmal kleinere Dinge – von Firmenrestrukturierungen bis zur Identifikation einer neu anzuschaffenden Maschine. Vor allem freut es mich, wenn wir es schaffen, die Menschen mitzunehmen und zu motivieren. Wenn sie die Ärmel hochkrempeln und ihren Teil zum Gelingen von Projekten beitragen. Bei mir stellt sich hier immer wieder das Bild des Bergführers ein: Wir begleiten Firmen, geben Ratschläge, arbeiten in der Gruppe neue Wege aus und sensibilisieren dafür, dass eine Seilschaft nur funktioniert, wenn jeder einzelne Verantwortung für seine persönlichen Aufgaben ebenso wie für das Vorankommen der Gruppe übernimmt. Dass ich hier Menschen begeistern und auf diesem Weg der Verbesserung mitnehmen kann, motiviert mich jeden Tag aufs Neue. |