Heinz Stücke – vom Werkzeugmacher zum Rekord-Fahrradfahrer

 Maximilian Schröter im Gespräch mit Heinz Stücke

Heinz Stücke wurde 1940 in Hövelhof in Westfalen geboren. Als Jugendlicher verschlang er die Bücher von Karl May – das Abenteuer schien bei ihm also vorprogrammiert zu sein. Während seiner Ausbildung zum Werkzeugmacher nutzte er seinen Urlaub stets für wochen- oder monatelange Fahrradtouren. Im Metier war er nach dem Abschluss seiner Ausbildung 1958 nur wenige Jahre tätig und täuschte während der Arbeitszeit auch schon mal Bauchschmerzen vor, um auf der Toilette für seine Touren Englisch lernen zu können. 1962 fuhr er wieder einmal auf seinem Fahrrad hinaus in die Welt – und kam über ein halbes Jahrhundert lang nicht mehr zurück. Erst 2014 sah er seine Heimatstadt wieder – nachdem er 52 Jahre lang alle Länder der Welt mit dem Fahrrad bereist hatte – die meiste Zeit auf dem demselben 3-Gang-Rad mit Rücktrittbremse …

Herr Stücke, warum haben Sie sich nach der Schule für eine Werkzeugmacher-Ausbildung entschieden?
Die einzige große Firma in Hövelhof war eine Möbelfirma, bei der auch mein Vater als Tischler gearbeitet hat und zusätzlich abends noch in seiner eigenen kleinen Werkstatt. Dort musste ich regelmäßig aushelfen, obwohl ich lieber Fußball spielen wollte. «Komm, gib mir mal den Hammer!», «Hol die Säge!», «Stell dich nicht so dumm an!» – so ging das manchmal bis Mitternacht. Als ich dann 1954 als 14-Jähriger die Volksschule beendet hatte, hätte ich Tischler werden können, wollte das aber nach diesen Erfahrungen nicht. Sonst gab es am Ort nur noch die Möglichkeit, Schlosser, Dreher oder Werkzeugmacher zu werden. Ich war eigentlich auch anderem gegenüber aufgeschlossen, aber mein Vater warnte mich: «Höhere Bildung kannst du vergessen! Das ist brotlose Kunst.» Weil es sich besser anhörte als die Alternativen, habe ich mich also für die Werkzeugmacherlehre entschieden. Diese machte ich bei den Metallwerken Windelsbleiche – heute Tecalemit – in Schloss Holte. Dort waren damals etwa 600 Arbeiter beschäftigt.

Wie lief Ihre Ausbildung damals ab?
Zu Beginn war erst einmal wochenlang Feilen angesagt, weil man das als Werkzeugmacher richtig gut können musste. Wir haben z. B. einen Hammer gefeilt – und danach hatte ich Schwielen an den Händen. Manchmal waren wir auch im Automatensaal neben der Lehrwerkstatt oder in der Produktion – das Unternehmen hatte ein Patent auf Schraubverschlüsse. Auch Maschinen wie die Dreh-, Fräs- oder die Hobelbänke musste man als Werkzeugmacher bedienen lernen, ebenso Schweißen und Löten. Im Herbst 1958 habe ich schließlich meine Gesellenprüfung abgelegt.

Sie waren damals schon immer wieder lange mit dem Fahrrad unterwegs …
Zwei Wochen nach dem Gesellenstück bin ich in meine Tour ums Mittelmeer gestartet. Bei früheren Touren in den Ferien hat mich immer noch jemand begleitet, aber da wollte dann keiner mehr mitkommen. Ich war den ganzen Winter über unterwegs, für viereinhalb Monate. Durch die Türkei, das heutige Syrien und später nach Alexandria. Dann noch auf einen Abstecher mit dem Zug nach Luxor, weil ich die alten Pharaonen sehen wollte, und weiter mit dem Fahrrad ums Mittelmeer, wo ich aber nur bis Tunis kam, weil in Algerien der Krieg mit den Franzosen im Gange war. Als ich im Februar 1959 wieder zu Hause ankam, hatte ich keinen Pfennig mehr in der Tasche. Meine Mutter hat gesagt, «Du armer Junge!», und mir einen großen Eintopf gemacht.

Anschließend haben Sie wieder für eine Weile gearbeitet …
Ja, ein Jahr lang bei der Firma Brechmann in Schloss Holte. Da
haben wir im Werkzeugbau Spritzgussformen für Kunststoff-Schüsseln gemacht, aber auch Matritzen für die Gartenschlauch-Extrusion. Allerdings ging die Firma pleite und daher bin ich 1960 wieder losgefahren. Ich habe ein Jahr lang eine Tour nach Asien gemacht und hatte danach kein Geld mehr. Also nahm ich einen Job auf einem norwegischen Frachter an und fuhr nach Russland. Nach dieser ersten größeren Tour habe ich wieder über ein Jahr lang gearbeitet, bei Ruhrstahl in Brackwede. Dort waren immer 60 bis 70 Werkzeugmacher beschäftigt. Es gab riesige Pressen, mit denen die Längsträger für LKW hergestellt wurden. Und wir haben zu meiner Zeit auch die Heckklappe für den Opel Kadett gefertigt. 

Wie muss man sich die Arbeit damals, die nichtdigitalen Abläufe vorstellen? 
In einem Glaskasten über der Werkstatt arbeiteten die Ingenieure. Von ihnen haben wir technische Zeichnungen bekommen und mussten das entsprechende Werkstück anfertigen. Ich hörte auch immer wieder, wenn die Vorarbeiter mit den Konstrukteuren schimpften, wenn sich etwas nicht bauen ließ … Bei Ruhrstahl war ich bis 1962 angestellt, als ich wieder losfuhr. Das war das letzte Mal, dass ich in meinem Beruf gearbeitet habe.

Haben Sie als Werkzeugmacher Fähigkeiten erlernt, die Ihnen bei den Fahrradtouren nützlich waren?
Absolut. Die hohe Präzision war zwar bei der Fahrradwartung nicht mehr nötig, aber das mechanische Verständnis. Auch profitierte ich davon, dass wir in der Ausbildung Materialkunde hatten. Daher wusste ich, welche Schwachstellen es im Metall gibt, dass man vorsichtig damit umgehen muss, aber auch, wie man damit arbeitet. 45 Jahre lang war ich mit demselben Fahrrad unterwegs – 16-mal hatte ich einen Rahmenbruch. Bei den Reparaturen haben mir aber auch immer wieder Leute geholfen, die so etwas besser konnten als ich. Der Rahmen durfte ja nicht geschweißt werden, sondern musste hartgelötet werden. Dafür musste ich aber erst mal die richtigen Messingteile auftreiben …

Haben Sie sich in all den Jahren noch mal in irgendeiner Weise mit Werkzeugbau beschäftigt? 
Es wäre eigentlich kein Problem gewesen, unterwegs als Werkzeugmacher eine Arbeit zu finden. Aber dafür hätte ich mich langfristig an einen Arbeitgeber binden müssen. In Sambia hatte ich ein Angebot, im «Copperbelt» zu arbeiten, wo die vielen Kupferminen waren. Aber die Firma hat noch auf Maschinen gewartet, die einfach nicht kamen, und meine Arbeit bestand letztendlich nur darin, dass ich mit den anderen Arbeitern herumgestanden bin, gewartet und Bier getrunken habe. Ich wollte dann lieber wieder losfahren. Und da der Firmeninhaber auch Maisbier produzierte, bot er mir noch 70 Pfund, wenn ich Werbung für seine Marke mache. Also brachte ich ein Schild an meinem Fahrrad an, auf dem «I drink Chibuku» stand. Auch als ich 1964 in Kapstadt ankam, hätte ich problemlos als Werkzeugmacher arbeiten können. Es gab dort massenhaft deutsche Auswanderer, die Unternehmen gründeten. 

Geld haben Sie dann aber mit Veröffentlichungen verdient.
Ja, Mitte der 60er-Jahre habe ich zum ersten Mal eine kleine Broschüre über meine Reisen drucken lassen, die ich verkauft habe. Auch Abzüge meiner Fotos ließ ich machen und hatte immer 60 bis 80 Bilder zum Verkauf dabei. In jedem Land sprach ich die größeren Zeitungen an, ob sie meine Geschichte kaufen möchten. Zusätzlich hielt ich Vorträge und bekam so das Geld zusammen, um mit dem Schiff nach Südamerika zu fahren. Auch dieses Land war voll mit Deutschen, bei denen ich problemlos mit meiner technischen Ausbildung hätte arbeiten können. Aber ich habe mich lieber selbst vermarktet. In Südamerika bin ich in jedem Land ungefähr drei bis vier Monate geblieben – und ich habe gekickt, wie früher in Hövelhof … Denn in Buenos Aires, Córdoba, Mendoza – überall gab es diese deutschen Fußballclubs. Nach dem Training wurde getrunken und ich habe Vorträge gehalten. Das machte Spaß und ich kam so an Geld. Manchmal wurde das Fahrradfahren und Weiterkommen eben zweitrangig. Ich habe mich immer wieder integriert und meine Reise hat sich dann halt etwas verzögert.

Ein Blonder mit Fahrrad ist in Südamerika nichts Alltägliches.
Mein Fahrrad war immer der beste Ausweis, ein Türöffner, ein Kontaktpunkt. Es war ja auch besonders auffällig: Überall waren die Namen der Städte und Länder, die ich bereist hatte, draufgeschrieben. In der Mitte hatte ich ein Schild angebracht und meine Route eingezeichnet. Eine deutsche Flagge war am Fahrrad auch noch befestigt. In Nordamerika bin ich daher auch ständig auf der Straße angesprochen und oft auch eingeladen worden. Jeden Tag hat jemand mit dem Auto neben mir angehalten und mich angesprochen: «Du radelst um die Welt!? Wie kommst du über den Ozean? Neben der Straße zelten ist zu gefährlich, komm doch mit zu uns!» Dann wurden meistens große T-Bone-Steaks gegrillt …

Und wie wurden Sie im Rest der Welt empfangen?
Die größte Publicity aller Zeiten hatte ich in Japan. Dort habe ich 1971 in Fernsehshows mitgemacht! Als ich in den 90er-Jahren zum zweiten Mal dort war, habe ich rund 20 000 Reisedokumentationen verkauft. Die Leute haben gestaunt, weil ich auch einigermaßen Japanisch konnte, und wollten dann meine Broschüre. So hatte ich bald Geld für die nächsten sechs Jahre in der Tasche. 

Sie waren auch bei der Fußball-WM in Mexiko 1970 dabei.
Ja, ich war dort als Fotograf angestellt. Pelé und alle anderen Spieler hatte ich vor der Linse! Das Halbfinalspiel Deutschland gegen Italien war hochinteressant. Deutschland hat am Ende 4:3 nach Verlängerung verloren und auf einem Schild am Aztekenstadion in Mexiko City steht heute noch, es sei das beste Spiel aller Zeiten gewesen. Ich durfte beim Turnier immer hinters Tor und dort fotografieren. Das war schon ein Erlebnis, schließlich war ich auch selbst ein guter Kicker. Es sind sogar Leute aus Hövelhof gekommen, die ich mit meiner Akkreditierung ins Aztekenstadion reingeschleust habe.

Die Menschen auf der ganzen Welt sind Ihnen also meist positiv begegnet. Liegt das auch an Ihrer offenen Einstellung?
Ein Mensch auf einem Fahrrad kann einfach nicht böse sein. Außerdem habe immer auf mein Äußeres geachtet, vor allem auf saubere Socken und Schuhe! Meine Schuhe wurden mir am Flughafen in Santo Domingo übrigens auch mal geklaut. Da hat ein Italiener, der auch auf seinen Flug wartete, sein Gepäck geöffnet und mir ein paar schöne Lederschuhe geschenkt!

Wurde Ihr Fahrrad auch mal gestohlen?
Insgesamt sechsmal. Jedes Mal habe ich einfach so lange gewartet, bis es wieder da war. Die Medien haben für mich immer Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt. In Russland wurde alle zehn Minuten das Fernsehprogramm unterbrochen und von einem Mann berichtet, der sein ganzes Leben lang mit dem Fahrrad unterwegs war und dem es ausgerechnet hier in Tschita in Sibirien gestohlen wurde. Ich wurde nach dem Diebstahl von der Stadt in einem Hotel einquartiert und der Bürgermeister versicherte mir: «Wir kriegen das Fahrrad wieder, darauf kannst du dich verlassen!» Geklaut worden war es von einem 15-jährigen Jungen. Freunde von ihm verständigten die Polizei und die hat ihn eingesperrt – drei Tage durften sie ihn festhalten. Während dieser Zeit ist immer mehr von dem zurückgekommen, was er mir gestohlen hatte. Stück für Stück. Zuerst das Fahrrad, dann die Pässe und das Geld. Schließlich fehlte nur noch ein Gürtel. Da hat mir die Polizeichefin kurzerhand ihren eigenen geschenkt. Und als zuletzt mein Fahrrad in England gestohlen wurde, haben alle Medien auch weltweit darüber berichtet. Als das Rad wieder auftauchte, erhielt ich sogar einen Glückwunsch-Anruf aus Japan. Und ich verursachte in den Tagen danach auch immer wieder Staus, weil die Leute mit dem Auto langsam neben mir fuhren, um mir mitzuteilen, wie froh sie sind, dass ich mein Fahrrad wieder zurückbekommen habe.

Hatten Sie auf Ihren Reisen um die Welt niemals den Drang, irgendwo sesshaft zu werden? Gab es irgendwann mal einen Ort, an dem Sie sich gedacht haben, hier könnte ich für den Rest meines Lebens bleiben?
Nein, meine Fahrt ging immer weiter. Aber ich hatte eine Beziehung mit Zoya, einer Weißrussin aus Minsk. Wir haben uns gegenseitig besucht. Sie ist nach Norwegen gekommen, in die Türkei, nach England, Frankreich … und ich zwischendurch immer wieder nach Minsk. 28-mal bin ich über die Grenze nach Belarus gefahren, um wieder bei ihr zu sein. Das war mein Nest, in das ich immer zurückkehren konnte. Aber nach ungefähr zwei Wochen war es nicht mehr so schön, es sich nur im Bett gutgehen zu lassen. Dann musste ich schnell wieder weg. Und ein paar Monate später kam die Sehnsucht wieder zurück. Immer wenn ich zu Zoya kam, sagte sie, «Wenn du mich jetzt nicht heiratest, ist Schluss mit uns!» Ganze acht Jahre lang ging es so hin und her. Bis sie mir am Telefon erzählte, dass sie nun einen anderen geheiratet habe … Also habe ich mich wieder auf mein Fahrrad und meine Tour um die Welt konzentriert.

Wann sind Sie zum letzten Mal Fahrrad gefahren?
2016 bin ich in den USA noch 4000 km gefahren. Und bis 2019 war ich hier in Hövelhof mit meinem Klapprad unterwegs und zu Hause auf meinem Hometrainer – bis ich das auch nicht mehr konnte. Ich habe Arthrose, meine Hüften sind abgenutzt. Manchmal musste ich eben enorme Kraftanstrengungen unternehmen und mein bis zu 60 kg schweres Rad immer wieder über Hindernisse schleppen. Inzwischen habe ich einen Elektro-Scooter, mit dem ich im Ort herumfahren und einkaufen kann.

Haben Ihre Reisen bisweilen auch Ihre spirituelle Seite geweckt? 
Die Welt zu erkunden, war halt mein Lebenstraum! Etwas anderes kam gar nicht in Frage. Ich hätte zwar gerne bei Bayern München gespielt. Aber da habe ich meine Grenzen erkannt und mir gesagt, «Du musst was machen, was keiner macht.» (lacht) Das war auch kein Fehler. Ich lebe ja heute noch davon. Das ist der Inhalt meines Daseins geworden. Selbst die letzten zehn Jahre über bin ich zu Hause täglich mit der Aufarbeitung des Materials von meinen Reisen beschäftigt. Ich habe über 100 000 Fotos im Archiv. Kurzum: Welchen Sinn hat es, an Wiedergeburt oder das Leben nach dem Tod zu glauben, wenn man sich nicht bewusst sein kann, wer man in seinem jetzigen Leben ist oder was man alles getan hat? 

Und Sie haben einiges gemacht! Sind Sie auf etwas besonders stolz?
Ich bin ein lebendes Beispiel dafür, dass es in unserer interdependenten Welt möglich ist, ohne Steuern, Versicherung, Gesundheitsvorsorge und Wohnung glücklich zu sein. Natürlich ging alles auf Kosten anderer Dinge. Ich hatte keine Frau, keine Familie, kein Geld, keine Sicherheit. Dafür war ich frei und weitgehend unabhängig vom Konsum – der den meisten Menschen die Befriedigung verschafft für ihre ansonsten sinnlose und oft verhasste Arbeit.

Können Sie Ihren inneren Antrieb beschreiben?
Es ist das Unbekannte hinter der nächsten Ecke, das meine Räder vorwärts brachte. Und diese Freude am Ungewissen, die andere vielleicht ängstigt, habe ich bis heute behalten. 

Und wie ging Ihre Familie mit Ihrer Reiselust um?
Die konnte meinen Lebensstil nie nachvollziehen. Wir haben uns in den mehr als 50 Jahren meiner Tour nur einmal für ein Wochenende 1977 in Arnheim getroffen. Meine Einladung, mich in Japan zu besuchen, nahm mein Vater nach dem Tod meiner Mutter auch nicht an. Und meine Schwester hatte auch meine Post nicht mehr geöffnet, als ich dann auch die Beerdigung meines Vaters verpasst habe … Heute verstehen wir uns aber wieder bestens.

An was arbeiten Sie zurzeit?
Ich habe unterwegs alles Mögliche fotografiert – Portraits, Landschaften und vieles mehr. Die Fotos und andere Souvenirs habe ich immer nach Hause geschickt, auch wenn einiges unterwegs verloren gegangen ist. Außerdem habe ich etwa 18 000 Seiten Tagebücher von meinen Reisen. Die sind alle total zerfleddert und ich versuche sie jetzt ins Reine zu schreiben.

Per Computer?
Nein, das mache ich handschriftlich.

Sie schreiben die ganzen 18 000 Seiten noch mal?
Als Werkzeugmacher habe ich noch die gute alte Normschrift gelernt. Die kann jeder lesen und ich kann sie auch schnell schreiben. Ich mache das gern. Da erlebe ich meine Reisen noch einmal. Was für spannende Geschichten da drinstehen! Ich muss noch eine Zeit lang leben, um das alles fertig zu schreiben! |

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