Wolfram Heger: Einfach anfangen! Nachhaltigkeit als Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen

Nachhaltigkeit ist ein Thema, das uns alle angeht – aber auch ein Wort, das viele schon gar nicht mehr hören können, weil es einem heutzutage inflationär begegnet. Ob in den Medien, im Berufsalltag oder beim abendlichen Einkauf im Supermarkt. Man kann Nachhaltigkeit nicht entkommen. Auch nicht im Werkzeug- und Formenbau. Zwar ist die Branche KMU-geprägt, doch gelten für KMU diesbezüglich weniger Regulierungen und noch müssen sie über ihre Nachhaltigkeitsbemühungen weniger Rechenschaft ablegen als Großkonzerne. Faktisch sind Werkzeugmacher aber doch betroffen – über Kundenanfragen oder weil Großunternehmen die für sie geltenden Anforderungen an ihre Zulieferer weitergeben.

Es führt also kein Weg daran vorbei, sich aktiv mit Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen. Der Arbeitskreis Nachhaltigkeit des VDWF hat daher 2023 das «Kompendium für die Bewertung und Gestaltung nachhaltigen Wirtschaftens im Werkzeug- und Formenbau» in der ersten Auflage erstellt. Das Kompendium ist explizit auf die Branche zugeschnitten und wurde von Werkzeugmachern für Werkzeugmacher zusammengestellt. Das Feedback der Unternehmen war äußerst positiv. Viele Betriebe haben auf eine solche Hilfestellung gewartet, die ihnen konkret sagt, wie und wo Nachhaltigkeit Werkzeug- und Formenbau-Unternehmen betrifft und welche Maßnahmen sie sofort ergreifen können bzw. welche mehr Planung und Expertise benötigen. Dass wir in den zurückliegenden anderthalb Jahren zahlreichen Betrieben mit dem Kompendium den Einstieg in das Thema vereinfacht haben, dass wir Orientierung und Hilfestellungen geben konnten, hat uns in unserer Absicht bestärkt, an den Inhalten weiterzuarbeiten. 

Und so ist das Kompendium jetzt in einer zweiten Auflage erschienen. Diese berücksichtigt einerseits die in der Zwischenzeit veränderten gesetzlichen Vorgaben und andererseits wurde das Nachhaltigkeitsverständnis ganzheitlich gefasst – über den Umwelt- und Klimaschutz hinaus. Denn tatsächlich ist es auch im Werkzeug- und Formenbau bedeutsam, das komplette Spektrum an Umwelt-, Sozial- und Führungsthemen (Environmental, Social, Governance, kurz ESG) zu betrachten. Nachhaltigkeit heißt also nicht nur, Rücksicht auf Umwelt oder Biodiversität zu nehmen, sondern z.B. auch, darauf zu achten, dass Menschenrechte im Produktionsprozess oder in der Lieferkette eingehalten werden. Und dass die Unternehmensführung die Einhaltung von Gesetzen, Vorschriften und ethischen Standards vorlebt und hierüber auch transparent berichtet. Zusätzlich nehmen wir in der zweiten Auflage die gesamte Wertschöpfungskette in den Blick, einschließlich vor- und nachgelagerter Prozesse. Auch das ist wichtig, will man Nachhaltigkeit ernsthaft angehen. 

Bei aller Komplexität kann das Kompendium auf seinen 60 Seiten jedoch nicht auf jede spezifische Frage eine konkrete Antwort geben und nicht auf alle Details eingehen. Aber die Leser erhalten einen guten Überblick über die wichtigsten Punkte, die gerade KMU beschäftigen. Bei vielen Herausforderungen werden Unternehmen in der Lage sein, selbst Initiative zu ergreifen. Andere wiederum sind sehr spezifisch und auch komplex, sodass eine externe Unterstützung empfohlen wird. So ist es beispielsweise für ein Unternehmen mit 20 Mitarbeitern sicher nicht leicht, die Scope-3-Emissionswerte nach dem «Greenhouse Gas Protocol» aus dem Ärmel zu schütteln. Daher erklären wir verschiedene Nachhaltigkeitsaspekte ausführlich und liefern Anregungen, wie diese auch von kleineren Unternehmen angegangen werden können. Für jede empfohlene Initiative enthält das Kompendium zudem eine Kurzbewertung. So wird z.B. auf einen Blick ersichtlich, ob die Initiative zu den Nachhaltigkeitsgrundlagen gehört, wie hoch der Aufwand dafür ist oder auch, in welchen der drei ESG-Bereiche ein Aspekt einzuordnen ist.

Mit der zweiten Auflage des Nachhaltigkeitskompendiums in der Hand (oder als PDF auf dem Rechner) macht es mich stolz, dass unser Arbeitskreis Menschen und Betriebe auf diese Weise zu unverzichtbaren Veränderungen anregt. Und ich bin mir sicher, dass unsere Veröffentlichung Werkzeugmachern weitere neue Impulse für nachhaltiges Wirtschaften gibt. Dabei geht es um nicht weniger als den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen, um Arbeitsbedingungen und Inklusion oder um die Einhaltung ethischer Grundsätze. Und auch ökonomisch betrachtet geht es um den nachhaltigen, langfristigen Bestand des Unternehmens. Dabei liegen gerade für KMU in einem cleveren Nachhaltigkeitsmanagement auch große Chancen, die z.B. in Potenzialen zur Weiterentwicklung und Kosteneinsparung liegen, in der Vermeidung von Risiken oder im Aufbau einer anhaltenden Reputation. Es entstehen echte Wettbewerbsvorteile – gerade auch gegenüber Mitbewerbern, die nur über günstige Preise argumentieren. 

Und um dies auch noch zu sagen: Die Zeit, das Thema Nachhaltigkeit im Unternehmen zu adressieren, drängt. Während große Unternehmen schon qua Gesetz gezwungen sind, sich damit auseinanderzusetzen, zögern viele kleinere Betriebe noch. Einerseits kann ich es nachvollziehen, wenn sich kurzfristige Herausforderungen des Tages­geschäfts in den Vordergrund drängen. Andererseits ist jedoch auch klar: Die erfolgreiche Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit ist kein Sprint, sondern ein Marathon! Unternehmer müssen sich informieren und einarbeiten, Vorbereitungen treffen, Daten beschaffen, Initiative ergreifen sowie ggf. kurz- und langfristige Investitionen planen – will das Unternehmen z.B. den eigenen Strombedarf über eine eigene Photovoltaikanlage decken, um damit nicht nur Kosten zu sparen, sondern auch den CO₂-Fußabdruck zu reduzieren.

Vor diesem Hintergrund dient das Nachhaltigkeitskompendium – das übrigens die «VDWF-Selbstverpflichtung zu nachhaltigem Wirtschaften» perfekt ergänzt – dazu, den Einstieg in ein Management von Nachhaltigkeitskonzepten und -instrumenten leicht zu machen. Und weil Nachhaltigkeit als Aufgabe bestehen bleibt, die Beschäftigung damit Zeit braucht, die Umstellung nicht von heute auf morgen gelingt – was auch niemand erwartet –, lautet mein Aufruf: Nutzen Sie das VDWF-Kompendium und binden Sie – wo erforderlich – Experten in Ihre Arbeit mit ein. Worauf warten Sie noch? Gehen Sie es jetzt an! Für mehr Nachhaltigkeit und nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg Ihres Unternehmens im Werkzeug- und Formenbau.

Es grüßt
Wolfram Heger 

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