Entscheidungen treffen!

Liebe Leserinnen und Leser, 

in einem Magazin, das sich an Werkzeugmacher richtet, werden Sie von einem ehemaligen Profifußball-Schiedsrichter begrüßt. Vielleicht fragen Sie sich nun, wie das zusammenpasst. Aber ich kann Ihnen versichern: Was man als Schiedsrichter lernt, lernt man fürs Leben – und das ist dann auch in vielen Berufszweigen, in der freien Wirtschaft und natürlich auch im Werkzeug- und Formenbau von unschätzbarem Wert. 

Auch als Unternehmer, Handwerksmeister und Maschinenbautechniker konnte ich stets die Dinge anwenden, die ich aus meiner Laufbahn als Unparteiischer mitgenommen habe. Das beginnt schon damit, dass man als Schiedsrichter lernt, zu dem zu stehen, was man tut. Dass man Verantwortung tragen muss für seine Entscheidungen und dass man überhaupt Entscheidungen trifft. Aber genauso wichtig ist es, zu lernen, wie man mit Fehlern umgeht, wie man sich ein- und unterordnet, sich aber bei Bedarf auch durchsetzt. Die Schiedsrichterei ist hierbei eine unbezahlbare Schule fürs Leben!


Entscheidungen treffen!

Einige wichtigen Erfahrungen möchte ich gerne mit Ihnen teilen: Während eines Fußballspiels hat man als Referee etwa 200 bis 220 Entscheidungen zu treffen – vom Ausball bis zum Strafstoß, vom Weiterspielen bis zur Roten Karte. Das geschieht in einer so hohen Frequenz und unter der ständigen genauesten Beobachtung aller Beteiligten, dass man dabei schnell verinnerlicht, welch große Bedeutung dem Treffen von Entscheidungen zukommt. Das lässt sich sicher auch auf den Werkzeug- und Formenbau übertragen: Besonders wichtige Angelegenheiten sollte man, wenn möglich, selbst erledigen – man kann nicht immer andere vorschicken. Vor allem ist es wesentlich, dass man überhaupt entscheidet! Manchmal neigt man dazu, Entscheidungen auf die lange Bank zu schieben oder sich gar nicht entscheiden zu wollen. Keine Entscheidung zu treffen, ist aber die schlimmste aller Entscheidungen! Damit lässt man alle Beteiligten in der Luft hängen und lähmt vielleicht sogar gesamte Prozessketten im Unternehmen. Deshalb rate ich Ihnen: Haben Sie Mut, zu den Themen, die Sie beschäftigen, konsequent Position zu beziehen! Und keine Sorge: Hat man falsch entschieden, kann man anschließend Korrekturen vornehmen.

Dass oftmals bei Entscheidungen gezögert wird, ist heute aber nicht nur in der freien Wirtschaft ein Problem, sondern in unserer gesamten Gesellschaft. In Zeiten sich verändernder Märkte und Arbeitszeitmodelle bzw. bei der Frage, wie man seine Geschäftsfelder und Mitarbeiterstrukturen daran anpasst, ist der Mut zur Entscheidung eines der wichtigsten Kriterien für den zukünftigen Erfolg. Es ist immer besser, zu agieren, als nur zu reagieren. Wenn man das Heft selbst in die Hand nimmt, ist man anderen immer einen Schritt voraus – und vielleicht im Geiste auch zufriedener.

Das gilt übrigens auch für die Überprüfung der eigenen Arbeit im Tagesgeschäft. Wie bei meiner Arbeit als Bundesliga-Schiedsrichter lohnt es sich gerade in Hightech-Branchen mit sich stets verändernden Projektparametern, Prozesse aktiv zu reflektieren und zu analysieren. Meistens tun wir das nämlich erst dann, wenn ein Fehler passiert ist. Dann ist es aber bereits zu spät! Darum rate ich Ihnen, es wie Spitzen-Referees zu machen: Drehen Sie den Spieß um und nehmen Sie sich stattdessen mal ein erfolgreiches Projekt zur Analyse vor. Nur zu sagen: «Es ist ja alles gut gegangen» ist nämlich ein schlimmer Satz, wenn es um Weiterentwicklung geht. Stattdessen sollte man lieber darauf schauen, wo man Glück gehabt hat. Wo hat sich beispielsweise eine Fügung ergeben, ohne die das Projekt vielleicht gescheitert wäre? Wenn ich den Blick darauf lenke, kann ich erkennen, wo ich noch etwas lernen kann, um beim nächsten Mal nicht auf Glück angewiesen zu sein … All das ist Optimieren und Analysieren auf hohem Niveau. Es setzt jedoch eine Ehrlichkeit gegenüber sich selbst voraus, zu der man erst einmal bereit sein muss.

Diese Ideen und Anregungen versuche ich in meinen Vorträgen und Schulungen vielen verschiedenen Berufsgruppen – wie beispielsweise Polizisten, Ärzten, Bankangestellten,
Landwirten oder Handwerkern – zu vermitteln. Dabei bemerke ich immer wieder, dass es in verschiedenen Bereichen ähnliche Probleme gibt und die Lösungen oft auch übertragbar sind. Einer meiner Leitsätze, der gerade in unsteten Zeiten hilft, lautet: «Vorbereitet sein statt vorbelastet.» Egal wo man tätig ist, man sollte zur Lösung eines Problems nie nur ein einziges Tool parat haben. Denn wenn dieses nicht funktioniert, gerät man unter Stress. Ich muss mir also im Voraus mehrere Lösungsansätze überlegen und darf auch nicht nervös werden, wenn nicht gleich der erste zum Erfolg führt. Ich habe ja dann noch einen zweiten und dritten Ansatz, auf die ich zur Problemlösung zurückgreifen kann. Das gibt mir Sicherheit, Gelassenheit und Vertrauen in mich selbst und in mein Team.

In Alternativen denken nimmt Angst – mehr noch: Der gut vorbereitete Umgang mit Herausforderungen bringt sogar Freude, wenn man mit Weitsicht und auch Mut zu neuen Lösungen kommt. Nicht alle Spielsituationen auf dem Fußballplatz sind in ihrem Ausgang vorauszusehen – ebenso wenig die Geschäftsentwicklung in einer so spezialisierten Branche wie dem Werkzeug- und Formenbau mit seiner Unikatfertigung. Deshalb gilt es in beiden Bereichen, mit stetiger Aufmerksamkeit, Flexibilität und Unvoreingenommenheit zu handeln!


Positive Herangehensweise – Deutschland ist bereit für ein neues Sommermärchen

Zu den Werkzeugmachern fühle ich mich natürlich aufgrund meiner beruflichen Herkunft besonders hingezogen. Zudem gefällt mir, dass die Branche den klassischen Mittelstand repräsentiert, dessen Unternehmer in Deutschland oft nicht ausreichend wertgeschätzt werden, obwohl sie das Rückgrat unseres Wirtschaftserfolgs und damit
unseres Wohlstands darstellen. Auch hier könnte man den Vergleich zum Schiedsrichter eines Fußballspiels ziehen, der auch sehr wichtig ist – und oftmals nur genannt wird, wenn etwas schiefgeht. Nichtnennung ist für uns leider meist die höchste Form der Wertschätzung und dass wir funktionieren, wird als selbstverständlich angesehen …


Die kommende Fußball-Europameisterschaft bietet da eine Möglichkeit, gesellschaftlich, aber auch persönlich wieder in einen positiven Flow zu kommen. Das haben wir schon beim Sommermärchen 2006 erlebt. Damals hat natürlich alles gepasst: Das Wetter war schön und das Turnier ist für uns gut gelaufen. Die deutsche Mannschaft ist Dritter geworden, was uns aber mehr Sympathie eingebracht hat, als wenn wir Weltmeister geworden wären. Wir müssen dieses Jahr also gar nicht unbedingt Europameister werden! Wichtig ist, dass wir Freude an unserem Tun haben und so der Welt erneut zeigen, wie offen wir sein können, wie hilfsbereit und freundlich. Denn diese Dinge haben uns allen schon 2006 gutgetan. Sowohl dem Bild, das wir Deutschen nach außen abgegeben haben, als auch unserer eigenen Motivation.

Selbstverständlich wünsche ich mir, dass unsere Mannschaft lange im Turnier bleibt – wesentlicher ist aber, dass sie einen ansprechenden, ehrlichen Fußball bietet, damit sich die Menschen mit ihr identifizieren können. Um das zu erreichen, sind auch im Teamsport die Dinge wichtig, die ich hier teilweise angesprochen habe: Entscheidungen treffen und zu ihnen stehen. Vorbereitet sein und Prozesse analysieren – auch wenn scheinbar alles gut läuft. Ich hoffe also, dass nicht nur unsere Nationalmannschaft, sondern auch Sie mit dieser Haltung Erfolge feiern können. Lassen Sie uns ein Vorbild für das eigene Team sein und zeigen, dass wir Freude an unserer Arbeit haben.


Ich wünsche uns allen einen wunderbaren EM-Sommer.
Ihr Lutz Wagner

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