Bob Williamson: Der Schutz geistigen Eigentums sichert Produktionsstandorte

Die Rolle des Werkzeug- und Formenbaus und sein Platz in der Herstellungsindustrie ist unverzichtbar, wird aber auch oft missverstanden. Also würde ich diesen Sachverhalt gerne entmystifizieren. Zur Größenordnung: Wir bei der ISTMA schätzen, dass der Werkzeug- und Formenbau-Markt 2018 mit seinen 8000 Unternehmen rund 118 Mrd. US-Dollar wert war und dass sich dieser Wert 2027 etwa verdreifacht haben wird. 

Aber was genau ist Werkzeugbau? Sehen wir, was Dr. Google bzw. Wikipedia zu sagen haben: «Im Werkzeug­bau werden von Werkzeugmechanikern […] Vorrichtungen und Werkzeuge hergestellt, die zur rationellen Bearbeitung, Montage und Qualitätskontrolle von Werkstücken und Erzeugnissen in der handwerklichen oder industriellen Fertigung eingesetzt werden. Viele Werkzeuge und Vorrichtungen werden heute mehrheitlich mit Hilfe von hochpräzisen, meist CNC-gesteuerten Werkzeugmaschinen angefertigt. Vorrichtungen und Werkzeuge sind überwiegend Einzelanfertigungen und deshalb in ihrer Herstellung sehr aufwendig. […] Abnehmer des Werkzeugbaus sind Metall-, Kunststoffverarbeitungs- oder Gießereibetriebe sowie Endabnehmer in verschiedenen Industriezweigen.»

Falls Sie aus der Industrie oder vom Ingenieurwesen kommen, ergibt das alles einen Sinn, aber sagt es wirklich das Wesentliche aus? Ich denke nicht. Und wir müssen die Abhängigkeiten hinter unserer Branche entwirren, um sie einfacher erzählen zu können: Denn tatsächlich nimmt der Werkzeug- und Formenbau die Schlüsselrolle in der indus­triellen Versorgungskette ein! Er verknüpft die Entwicklung mit der Fertigung eines Produkts. Sein Einsatz gewährleistet die zuverlässige und kosteneffektive Herstellung von Produkten, was ein zentraler Wachstumsfaktor für jeden verarbeitenden Wirtschaftsstandort ist … Eine tiefgründige Aussage, nicht wahr? Die Welt des Werkzeug- und Formenbaus versteht dies. Doch versteht es auch der Fertigungs­sektor? Vielleicht. 

Im Allgemeinen wende ich mich mit meinen Ansprachen eher an die Repräsentanten von Regierungen und versuche zu vermitteln, dass jeder Produktionsprozess unabdingbar die Leistungskraft unserer Branche benötigt. Es gibt keine Fertigung ohne Werkzeuge oder Formen! Wer das akzeptiert, muss auch die Rolle des Werkzeug- und Formenbaus als die bestimmende Größe entlang der Prozesskette von Produkten anerkennen. Worauf jedoch besonderer Fokus zu richten ist, ist die Tatsache, dass mehr als 60 Prozent der effektiven Kosten eines Produkts direkt mit dem Produktionsmittel im Herstellungsprozess korreliert – egal ob Spritzguss- oder Druckgussform bzw. Stanz- oder Umformwerkzeug. Daran erkennt man, dass der Werkzeug- und Formenbau keine trivialen Waren «aus dem Regal heraus» liefert, sondern vielmehr sehr individuelle, maßgeschneiderte Hightech-Produkte, sorgfältig ausgewählt, um die Effizienz industrieller Serienproduktionen zu optimieren. 

Aber auch darüber hinaus haben Werkzeugmacher grundsätzlich eine wesentliche Vertrauensposition inne – die effektive Entwicklung und Herstellung von Formen und Werkzeugen benötigt die volle Offenlegung des geistigen Eigentums hinsichtlich des Produkts, das gefertigt werden soll. Das meinen wir alle zu wissen. Doch wird die eigentli­­­che Bedeutung dessen wirklich erkannt? Sobald es gefertigt ist, hat der Anbieter die volle Kenntnis über die Produktionseffizienz des Werkzeugs, das er an den Teile­fertiger liefert.

Kürzlich wurde ich eingeladen, einen Hersteller von weißer Ware in Mexiko zu besuchen, einen der Hauptproduzenten von Kühlschränken für den amerikanischen Markt. Phantastische Produktionsanlagen und eine der besten technischen Produktentwicklungsabteilungen, die ich je gesehen habe. Der Zyklus für die Erarbeitung eines neuen Kühlschrank-Modells beträgt ungefähr 18 Monate. Es wird immense Arbeit in die Perfektionierung des Produkts gesteckt – inklusive Sturztests etc. Darauf aufbauend werden dann die Produktionswerkzeuge ausgelegt und so konstruiert, dass sie eine kosteneffektive Fertigung gewährleisten. Die Entwickler machen einen super Job, ich war beeindruckt. Doch um auf den Punkt zu kommen: Auf meine Frage, wo die Formen und Werkzeuge gefertigt werden, erhielt ich die prompte Antwort: Nun ja, wir selbst können das wirtschaftlich nicht leisten, wir outsourcen das nach China. Im weiteren Gespräch stellte ich die Frage nach den größten Konkurrenten. Die Antwort kam sofort: Diese kommen aus China. Wieso? Nun, die Unternehmen dort würden es schaffen, ihr Produkt nach nur sechs Monaten Entwicklungszeit auf den Markt zu bringen – und dies sei sogar oft ein Produkt mit besserer Qualität … Nachdem ich darauf hinwies, dass dies am Transfer geistigen Eigentums liegen könnte, wurde es still. Kurzum: Am nächsten Tag berichtete ich Regierungsvertretern in Mexico City von meinem Besuch, woraufhin in Mexiko die Regulierungen bezüglich Know-how-Transfers geändert wurden. 

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte hier China nicht als den Feind darstellen. Vielmehr sind die Verantwortlichen dort ziemlich smart – sie haben schon früh die Schlüsselfunktion der Werkzeug- und Formenbau-Branche erkannt. Vor vierzig Jahren hatte China keine eigene Produktionswirtschaft. Die Regierung des Landes hat erkannt, dass man zwei wichtige Komponenten benötigt, um Produktionsstandorte aufzubauen und zu sichern: Man muss eine substanzielle Leistungsfähigkeit im Werkzeug- und Formenbau schaffen. Ohne die kann man keine Waren produzieren. Das Nächste, was man benötigt, ist das herzustellende Produkt … 

Ich hoffe, Sie sehen die Zusammenhänge. Wenn man Werkzeuge und Formen für Waren produzieren kann, weiß man auch genau, zu welchen Kosten jemand anderes das Produkt herstellen wird. Viele Länder, die sich auf den Weltmarkt fokussieren, um Werkzeug- und Formenbau anzubieten, erhalten gleichzeitig auch das Wissen, das hinter dem zu fertigenden Produkt steckt. Auch wenn man nicht Milliardensummen in die Entwicklung investiert hat, ist es so sehr einfach, sich dieses geistige Eigentum anzueignen und sogar zu verbessern. Zusätzlich kann man, mit dem Wissen der exakten Herstellungskosten des potenziellen Konkurrenten, mit einem enormen Vorteil in den Markt einsteigen. Das alles passiert natürlich nur, wenn man in Umgebungen agiert, wo nicht nach den Regularien der Welthandelsorganisation gewirtschaftet wird. Wenn man als Teilefertiger also die Fertigung der Werkzeuge und Formen auslagert, sollte man seinen Anbieter mit Bedacht auswählen.

Die Botschaft, die also weitergegeben und erkannt werden muss, ist, dass die fortwährende Weiterentwicklung des Werkzeug- und Formbau-Industriesektors einen positiven exponentiellen – keinen schrittweisen – Entwicklungseffekt auf die Produktionswirtschaft eines jeden Landes hat. Gleichzeitig bedeutet die Vernachlässigung der Branche einen exponentiellen negativen Effekt auf die Produktionsindustrie eines Landes. Ein­facher ausgedrückt: Ohne einen wettbewerbsfähigen Werkzeug- und Formenbau-Sektor wird sich ein Land deindustrialisieren.

Dieser eigentlich einfach darzustellende Sachverhalt muss bei unseren Kunden und auch bei der Politik immer wieder unterstrichen werden. Es liegt an uns, zu erklären, was wir machen und welche Bedeutung unsere Branche hat, bevor sich zu viele ein verzerrtes Bild bei Dr. Google machen …

Es grüßt
Bob Williamson,
Präsident ISTMA

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