Prof. Thomas Seul: Wandlungsfähig neue Märkte erschließen

Die Reise im November vergangenen Jahres zur ISTMA-Konferenz nach Kapstadt in Südafrika war eine großartige und wertvolle Erfahrung. Nicht nur wegen der neuen Kontakte, die direkt geknüpft wurden, sondern einfach, weil so eine Veranstaltung immer den Horizont erweitert. Gute Gespräche auf Augenhöhe, neue Blickwinkel auf das, was unsere Branche umtreibt, und der Austausch von Erfahrungen auf globaler Ebene. Wir konnten künftige Treffen mit anderen Verbänden vorbereiten und echte Beziehungen aufbauen.

Und das ist wesentlich. Denn die «internationale Brille» ist mittlerweile auch für die vielen KMU im deutschsprachigen Raum unabdingbar geworden. Nicht nur der Wettbewerb ist in der heutigen Zeit über die Welt verteilt, sondern eben auch unsere Kunden. Tauscht man sich mit anderen Ländern aus, sieht man, wie die Werkzeugmacher dort ihr Business organisieren – und wie auch sie die Welt mit ihren Werkzeugen glücklich machen. Und gleichzeitig erkennt man, welche Anforderungen die Teilefertiger an eine zeitgemäße Produktion stellen.

Das alles sind Sachverhalte, die – wenn man sie verinnerlicht – nur Positives bewirken können. Denn unsere Branche ist im Wandel und auf dem ganzen Planeten müssen sich Unternehmen ähnlichen Herausforderungen stellen: sich verändernden Geschäftsfeldern, demographischen Ungleichgewichten, dem Generationswechsel oder dem Klimawandel – was für jeden vielfältige Challenges mit sich bringt. Gleichzeitig birgt dieser Wandel auch Chancen und Möglichkeiten, beispielsweise für neue Geschäftsbereiche. Gerade das Ausland bietet uns hier ein riesengroßes, bisher ungenutztes Potenzial. Doch wie funktioniert Werkzeug- und Formenbau heutzutage global? Das ist die Frage, an der niemand mehr vorbeikommt.


Kommunikation ist der Schlüssel

Ich sehe die DACH-Region in Sachen Qualität immer noch klar in der Pole-Position. Sie steht für Engineering auf allerhöchstem Niveau. Gemeinsam ließe sich in künftigen Geschäftsfeldern aus dem deutschsprachigen Raum heraus das entwickeln, was ein Werkzeug ausmacht, um als reproduzierbares Produktionsmittel weltweit eingesetzt zu werden. Auf der anderen Seite: Auch von Ländern, denen wir in technischer Hinsicht voraus sind, können wir lernen! Denn der Werkzeug- und Formenbau findet ja nicht nur auf technologischer Ebene statt. Im Gegenteil! Es geht auch sehr um die mensch­liche, um die persönliche Ebene und damit um Kommunikation – im Unternehmen, aber vor allem mit potenziellen Partnern und Kunden. Das ist ein sehr großer, nicht zu unterschätzender Faktor bei der Internationalisierung. Und hier brechen wir bei unseren Delegationsreisen im Austausch mit anderen Verbänden das Eis, indem wir persönlich den Kontakt suchen.

Unser Vorteil dabei: Wie wir in Kapstadt auch feststellen konnten, werden wir als Verband direkt angesprochen, wenn es beispielsweise darum geht, junge Menschen aus anderen Ländern auszubilden. Unsere Unternehmen stehen nämlich für Hightech, aber andere Nationen sehen sehr wohl auch, dass bei uns ein Fachkräftemangel herrscht. «Ihr könnt unsere Jungen haben, gerne ausbilden und einige Zeit behalten – irgendwann nehmen wir sie aber gerne wieder zurück, um selbst gute Werkzeuge und Formen herstellen zu können», lautet das Angebot anderer nationaler Verbände – die sich ihrer und unserer gesellschaftlichen Probleme absolut bewusst sind …

In Südafrika standen diese sozialen Themen im Vordergrund, aber auch die produzierende Industrie vor Ort, die für eine Partnerschaft in Frage kommt. Vielleicht werden wir Werkzeuge bald dort produzieren, wo unsere Märkte sind – immerhin fertigen sieben große OEMs in Südafrika: BMW, Ford, Isuzu, Mercedes, Nissan, Toyota und VW. Außerdem sind im Land 180 Tier-1-Zulieferer im Automotive-Bereich tätig. Da lohnt es sich, den VDWF mit seinen Mitgliedern zu präsentieren! Und nicht zu vergessen: Das Land befindet sich in derselben Zeitzone wie Mitteleuropa – ideal für Kollaborationen und Kooperationen.

Ebenso sind wir auf unsere geschätzten Kollegen in Japan zugegangen und statten ihnen als Nächstes einen Besuch ab. Im Land der aufgehenden Sonne liegt die Attraktion jedoch an anderer Stelle: Hier sehe ich eine Branche auf geschäftlicher Augenhöhe. Weit entwickelt in Sachen Technologien, Präzision und Flexibilität. Dazu kommen eine hohe Produktqualität und ein starkes Arbeitsethos. Ein Land, das Widrigkeiten wie der chinesischen Konkurrenz «vor der Haustür» sowie den nicht vorhandenen eigenen Bodenschätzen trotzt – und weiter nach vorn geht. Hier werden wir den Werkzeugmachern wieder die wichtigen Fragen stellen: Wie macht ihr das? Was sind unsere gemeinsamen Probleme? Welche Lösungen gibt es? Alles in allem ist Japan ein Ort, an dem wir Inspirationen finden können. Schon 2011 war unsere Delegationsreise ein Türöffner und ein Antrieb, uns selbst weiterzuentwickeln.


Zukunftsfähig durch offene Haltung und ständiges Lernen

Weiterentwickeln – das müssen wir uns mehr denn je. Wer zu konservativ denkt, verpasst große Chancen. Und gerade im Ausland liegen viele spannende Möglichkeiten. Partnerschaften und Kunden werden quasi auf dem Silbertablett serviert – es gilt also, mutig zu sein. Unser weltweit einzigartiges, lösungsorientiertes Know-how und unser großes Qualitätsbewusstsein können wir dabei selbstbewusst zu unserem Programm machen. Auch diese Aspekte präsentieren wir immer wieder bei unseren Delegationsreisen.

Andererseits ist mir klar: Auf der Arbeitsebene ist der Diskurs nicht immer einfach. Hier sollten unsere Vorbilder die portugiesischen Werkzeugmacher sein. Ohne eigenen Markt im Land sind sie auf den Handel mit anderen Nationen angewiesen – und beherrschen dieses Spiel auch bestens. Mehrsprachigkeit im Unternehmen und Reisebereitschaft inklusive. Global aufgestellt sein heißt dabei übrigens nicht, dass man nicht mehr sehr regional denken darf. Eher umgekehrt: Die Familienbetriebe mit langfristigen Perspektiven bieten Kunden Sicherheit und sind ein Zukunftsmodell.

Gerade mit dem Selbstverständnis der vielen KMU, die unsere Branche prägen, erregen wir bei der Politik in den besuchten Ländern immer wieder gute Aufmerksamkeit. Und umgekehrt sehen wir, wie andere Systeme ticken, und können zurück in Europa und ausgerüstet mit Beispielen und Erfahrungen zielgerichtet an unserer eigenen Agenda beim Dialog mit der Politik arbeiten. Kurzum: Wir können also auf bestmöglichen Grundlagen agieren. Wenn wir es noch besser schaffen, die Kommunikation und die zwischenmenschliche geschäftliche Ebene zu meistern, sehe ich für unsere Branche zwar eine veränderte und sich vielleicht ständig weiter verändernde, aber eine erfolgreiche Zukunft. Hierfür braucht es jedoch eine offene Haltung. Denn das Geschäftsleben der kommenden Jahrzehnte erfordert ständiges Lernen. Das müssen wir uns immer wieder vor Augen führen.

Wenn noch nicht getan, dann lasst uns jetzt loslegen und nach neuen Möglichkeiten streben. National wie international. Scheuklappen ablegen und Barrieren im Kopf zur Seite räumen: Lasst uns einen Schritt weiter gehen, als es uns die internationalen Kollegen vielleicht zutrauen. In diesem Sinne auf einen erfolgreichen Blick ins In- und auch ins Ausland!

Mit herzlichen Grüßen
Thomas Seul

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